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[Rezension] Willa Cather: Die Frau, die sich verlor

  • Originaltitel: A Lost Lady, 1923
  • Bewertung: 5 von 5 Sternen

Mit klassischer amerikanischer Literatur kenne ich mich nicht besonders gut aus. Neben den ganz bekannten Namen wie Hemingway und Poe fällt mir noch Kate Chopin ein.
Da war es eine gute Gelegenheit, im Rahmen der Challenge „Klassiker aus aller Herren Länder“ eine für mich unbekannte Autorin zu testen: Willa Cather.

Die Frau, die sich verlor, erschien im Original als A Lost Lady erstmals 1923 und spielt im fiktiven Sweet Waters.

Sweet Waters ist eine Kleinstadt an der Eisenbahnlinie im mittleren Westen. Dort ist das Haus der Forresters der Anlaufpunkt für Reisende, die lieber gemütlich fahren wollen und sich nicht den Strapazen einer Expressreise unterziehen wollen. Mr. Forrester war einer der Eisenbahnpioniere und hat damit sein Vermögen gemacht. Nachdem er Witwer wurde, heiratete er die lebenslustige Marian, die 25 Jahre jünger als ihr Mann ist.
Sie führt ein scheinbar glückliches Leben an der Seite ihres Mannes. Alle Männer beten sie an. Und doch erscheint sie rein.

Beschrieben wird Mrs. Forrester aus der Sicht des zwölfjährigen Niel. Er ist der Neffe des örtlichen Rechtsanwalts, der den gleichen Kreisen wie die Forresters angehört. Niel ist fasziniert von der schönen Mrs. Forrester. Für ihn ist die Frau eine richtige Dame, wunderschön und unnahbar. Doch in Wahrheit ist sie mit ihrem Leben in Sweet Waters zutiefst unzufrieden. Sie kann sich nicht entfalten, sie ist in den Konventionen der Zeit gefangen.

Das Buch ist nur 160 Seien dick, doch unglaublich beeindruckend. Die Stimmung ist sehr melancholisch. Die Zeit der Pioniere geht gerade vorbei, es gibt nur noch ein paar alte Männer wie Mr Forrester, die früher das Land eroberten. Doch nun ist ein neues Zeitalter angebrochen. Die alte Zeit wird verklärt, als eine Zeit, in der die Männer stets ehrenhaft handelten und Ritterlichkeit eine große Tugend war. Oder wie Niell es empfindet:

Er hatte das Ende einer Ära erlebt, den Sonnenuntergang des Pioniers. Er war hinzugestoßen, als ihr Glanz schon fast erloschen war. So stießen in den Büffelzeiten Leute unterwegs auf die Reste eines Jägerfeuers, nachdem der Jäger auf und davon war. Die Glut war ausgetreten, aber der Boden noch warm, und das flachgedrückte Gras, wo er geschlafen hatte und wo seine Ponys gegrast hatten, erzählte die Geschichte. (S.144)

Über mehrere Jahre, mit großen Zeitabständen wird das Leben von Mrs. Forrester geschildert, immer aus der Sicht von Niel. Je älter Niel wird, desto mehr stellt er fest, das Mrs. Forrester nicht so rein ist, wie er dachte. Später benimmt sie sich sogar ausgesprochen skandalös.

In meiner Ausgabe (von 1992, erschienen beim Goldmann Verlag) wird in der Buchinnenseite der Vergleich mit Flauberts Madame Bovary gezogen – dem kann ich mich aber überhaupt nicht anschließen. Emma Bovary und Marian Forrester sind beide unglücklich und betrügen ihren Mann. Doch Marian macht ihren Weg.

Die Stimmung  in dem Buch hat mich übrigens das letzte Buch erinnert, das ich für die Challenge gelesen habe, den Radetzkymarsch. Auch dort herrscht eine große Traurigkeit und eine Verklärung des vergangenen Zeitalters und Angst vor dem Neuen. Das sind aber auch die einzigen Gemeinsamkeiten.

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