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[Rezension] Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm

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  • Originaltitel, 1931
  • Bewertung: 5 von 5 Sternen

Schloß Gripsholm ist eines der wenigen Bücher, das ich schon mehrmals gelesen habe. Mehrmals als Printversion, aber da es als eBook kostenlos erhältlich ist, landete es auch sofort auf meinen Kindle.

Worum gehts? Um einen Sommerurlaub in Schweden, Anfang der 1930er Jahre – die Erstausgabe erschien 1931.
Das Buch beginnt mit einem fiktiven Briefwechsel. Tucholsky wird von seinem Verleger Ernst Rowohlt gebeten, eine kleine Liebesgeschichte zu schreiben. Nichts zu langes, aber

„Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können.“

Doch Tucholsky lehnt ab:

„Ja, eine Liebesgeschichte … lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch? Dann schon lieber eine kleine Sommergeschichte.“

Die beiden streiten sich noch ein bisschen – Tucholsky beklagt sein geringes Honorar:

„Denken Sie mal ein bißchen darüber nach und geben Sie Ihrem harten Verlegerherzen einen Stoß. Bei 14 % fällt mir bestimmt nichts ein – ich dichte erst ab 12 %.“

Und überhaupt, er sei schon fast im Urlaub, in einer Stunde gehe sein Zug nach Schweden und da wolle er nicht dichten und schreiben, sondern einfach nur ausruhen.

Und damit beginnt die Sommergeschichte. Ganz langsam und gemächlich, schließlich fahren sie mit dem Zug. Der Erzähler nimmt seine Freundin mit, seine Prinzessin. Die heißt eigentlich Lydia und ist Sekretärin, aber er nennt sie immer Prinzessin.
Bis die beiden in Schweden ankommen, dauert es einige Zeit. Und dann brauchen sie auch noch eine schöne Unterkunft, die bezahlbar ist. Schließlich bekommen sie ein Angebot – eine Ferienwohnung im Schloß Gripsholm in Mariefred. Perfekt.

Der Tonfall in dem Buch ist sehr unbeschwert und leicht. Die beiden liegen faul in der Sonne und tun nichts. Freunde kommen zu Besuch – erst ein Freund von ihm, dann kommt eine Freundin der Prinzessin vorbei. Für damalige Verhältnisse gehen die Ereignisse recht weit, es gibt erotische Erlebnisse zu dritt, die zwar nicht in allen Einzelheiten beschrieben werden, aber deutlich genug.
Doch das ist nicht das einzige. In der Nähe des Schlosses ist ein Kinderheim untergebracht, ein Kinderheim mit einer herrschsüchtigen Leiterin, die die ihr anvertrauten Kinder schlägt. Auf eines der kleinen Mädchen werden die beiden aufmerksam. Es hat nur noch eine Mutter, aber die ist weit weg, sie arbeitet in Zürich. Lydia und der Erzähler wollen das Kind retten und zurück zur Mutter bringen.

Mir gefällt an dem Buch einfach alles. Ich mag den Gegensatz zwischen den leichten Urlaubsbeschreibungen und den düsteren Beschreibungen des Kinderheims. Ich liebe es, wenn Tucholsky da mit spitzer Feder die Mitmenschen porträtiert und sie auf den Arm nimmt – z.B. den dicken deutschen Touristen, der Berlin für den Nabel der Welt hält und sich beklagt, das in Marienfried nichts los sei.
Es gibt im ganzen Buch immer wieder verstreute Wörter oder ganze Sätze auf Plattdeutsch. Wenn man kein Platt kann, dann findet man das wohl ziemlich nervig, aber mir gefällt auch das.

Fazit: Leicht, beschwingt, stellenweise düster – das ideale Sommerbuch.



Hinweis: Schloß Gripsholm liegt in dem kleinem Städtchen Mariefried am Mälarsee, etwa 70 km von Stockholm entfernt. In der Nähe vom Schloß liegt das Grab von Tucholsky.
Leider habe ich es auch diesen Sommer nicht geschafft, mir Schloß Gripsholm „live“ anzusehen. Aber irgendwann hole ich das nach. Bestimmt.

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