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[Rezension] Aravind Adiga: Der weiße Tiger

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  • Originaltitel: The white Tiger, 2008
  • Genre: Erzählung
  • Bewertung: 2 von 5 Sternen

Balram, ein Unternehmer aus Bangalore, erfährt im Radio vom bevorstehendem Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Bangalore. Dessen Besuch nimmt Balram zum Anlass, wie es zu seinem Aufstieg vom einfachen Diener zum Geschäftsmann kam.
In sieben aufeinanderfolgenden Nächten schreibt Balram Wen Jiabao – ob die Mails jemals abgeschickt werden, bleibt dabei unklar.
Die Idee mit der Rahmenhandlung hat mir recht gut gefallen. Der restliche Inhalt umso weniger.
Bereits ganz zu Anfang schildert Balram, das er ein Mörder auf der Flucht ist – aber zu seinem Glück ist die Personenbeschreibung so dürftig, das die Polizei nie auf die Idee kam, das der Geschäftsmann aus Bangalore der Diener aus Delhi sein könnte, der seinen Herrn erschlug. Zu der Tat kommt es allerdings erst fast am Ende des Buches. Das nimmt der Handlung doch viel von der Spannung.

Ich lese nicht andauernd Bücher über Indien, aber immer wieder mal. Und noch nie fand ich eines so langweilig wie das hier. Der Zynismus, mit dem Balram sein Leben in dem kleinen Dorf schildert, in dem er aufgewachsen ist: zum einschlafen. Seine Arbeit als Fahrer: langweilig.

In seinem Buch gibt es keine Kasten mehr, sondern nur noch Reiche und Arme. Die Armen vergleicht er damit mit Hühnern, die dicht gedrängt in einem Hühnerstall leben, Käfig neben Käfig, während der Schlachter ein Huhn nach dem anderen schlachtet – und die anderen Hühner wissen genau, was ihnen blüht. Demokratie? Fehlanzeige, Wahlstimmen werden erkauft. Ganze Dörfer stehen unter der Knute von ein, zwei Großgrundbesitzern. Von Dienern wird nicht nur Dienen erwartet, nein, sie müssen bei Bedarf auch eine Schuld auf sich aufladen, die ihre Herren begangen haben. Wenn nicht, dann wird die Familie des Dieners bestraft – oft mit dem Tod.

Ich war noch nie in Indien und selbst wenn – von einer mehr oder wenig kurzen Urlaubsreise könnte ich mir auch kein Urteil über dieses riesige und fremde Land erlauben. Mag sein, das es Korruption gibt, mag sein, das der Herr wichtiger als alles andere ist. Aber mir hat einfach nicht die saloppe Erzählweise gefallen, mir hat nicht gefallen, wie über die verschiedenen Religionen hergezogen wurde. Mag sein, das der Autor einfach nur schockieren wollte, aber mich haben nicht die Zustände schockiert, sondern die billige, reißerische Sprache.

Im Moment empfinde ich nur Bedauern darüber, das ich Geld und Zeit für das Buch geopfert habe. Da trifft der Satz, den Balram immer wieder benutzt, um von seinem Indien zu erzählen wie die Faust aufs Auge:

„What a fucking Joke.“

Fazit: Ein zynischer Blick auf Indien – für mich leider ohne jegliche Spannung, sondern eher einschläfernd.

4 Comments

  1. Schade, dass dich das Buch so gar nicht begeistern konnte – meine Lektüre von „Der weiße Tiger“ liegt schon einige Jahre zurück, so dass ich nicht mehr viele konkrete Erinnerungen habe, aber immer noch weiß, dass mir das Buch gut gefallen hat. Ich fand es spannend, skurril und realitätsnah geschildert – ein unheimliches Lesevergnügen. Spannend, wie unterschiedlich Geschmäcker doch sein können.

    • Hey und Willkommen!
      Mag sein das es realistisch ist – das kann ich nicht beurteilen. Wobei ich es mir schon gut vorstellen kann, das es so ist.
      Aber spannend fand ich es leider gar nicht. Da gefielen mir z.B. die Bücher von Vikas Swarum oder Vikram Seth viel besser.
      Aber die Welt wäre ja entsetzlich langweilig, wenn alle das gleiche mögen würden.

      • In der Tat, wie gut, dass Geschmäcker unterschiedlich sind, sonst würden wir alle irgendwann dasselbe lesen. ;-)

        Vikas Swarum und Vikram Seth kenne ich bisher leider noch gar nicht, werde mir beide mal notieren – ich freue mich immer darüber, neue Autoren zu entdecken. Über Indien habe ich ansonsten nur „Shantaram“ gelesen, was mich damals sehr beeindruckt hatte …

      • Vikas Swarup hat die Vorlage zum Film „Slumdog Millionär“ geschrieben. Das und auch der Nachfolger haben mir recht gut gefallen, obwohl es manchmal schon etwas märchenhaft ist.
        Vikram Seth hat „Eine gute Partie“ geschrieben, ein 2000 Seiten dickes Buch, in dem man unglaublich viel über die verschiedenen Religionen, das Kastenwesen, die Geschichte erfährt. Allerdings wurde das Buch auch schon 1969 geschrieben, von daher kann es gut sein, das es heute dort anders ist.
        „Shantaram“ habe ich wiederum noch nicht gelesen, aber das Buch hat es schon auf meine Wunschliste geschafft. ;)

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