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[Rezension] Alice Hoffman: Märzkinder

Märzkinder

Originaltitel: The Probable Future, 2003
Genre: Familienroman
Leseprobe

Seit 13 Generationen leben die Sparrow-Frauen in der Kleinstadt Unity in der Nähe von Boston. Und jede dieser Frauen entdeckt an ihrem 13. Geburtstag bei sich eine besondere Begabung. Rebecca, die erste der Frauen, verspürte keine Schmerzen. Eine andere konnte schneller rennen als der Blitz und wieder ein andere konnte aus allen möglichen Dingen köstliche und schmackhafte Gerichte herstellen.

Die drei noch lebenden Sparrow Frauen – Großmutter, Tochter und Enkelin – haben auch ihre besonderen Gaben. Elinor erkennt jede Lüge, Jenny sieht die Träume von anderen Menschen. Mit Stella, der jüngsten, hat es was ganz besonderes auf sich. Sie kann sehen, wann und wie die Menschen um sie herum sterben. Sie sieht Tumore, von denen die Menschen noch nichts wissen, sie sieht, wer bei einem Unfall verblutet, wer an einer Fischgräte erstickt. Und als sie mit ihren Vater an ihrem Geburtstag essen geht, sieht sie eine Frau, der die Kehle durchgeschnitten wird.
Das erschreckt sie zutiefst und so bittet sie ihren Vater inständig, der Frau zu helfen. Und ihr Vater, obwohl er sonst ein charmanter Nichtsnutz ist, geht tatsächlich zur Polizei, macht eine Aussage, die von der Polizei aber als Spinnerei abgetan wird. Bis eine Woche später tatsächlich eine Frau auf diese Art ermordet wird. Durch seine Aussage erscheint Stellas Vater nun höchst verdächtig und wird festgenommen. Dieses Ereignis und die Angst vor dem wahren Mörder veranlasst Jenny mit ihrer Tochter Stella zurück zur Großmutter zu gehen – zwischen Elinor und Jenny gab es über 20 Jahre keinen Kontakt mehr.

Im ersten Moment könnte man vielleicht meinen, das sich hier eine Krimihandlung anbahnt – aber die ist kaum vorhanden. Stattdessen geht es um die Beziehungen der drei Frauen untereinander. Jede hat Fehler gemacht, gewaltige Fehler. Am Anfang habe ich Elinor noch ein wenig bemitleidet. Da ist sie nun, die alte und kranke Frau. Kein Kontakt zur einzigen Tochter, ihre einzige Enkelin sieht sie kaum. Dann allerdings erfährt man, warum Jenny den Kontakt zur Mutter abgebrochen hätte und ihre Gründe sind für mich schon sehr realistisch.

Sehr liebevoll gezeichnet ist das kleine Städtchen Unity. Es gibt ein Cafe mit einer netten Besitzerin, eine freundliche Bibliothekarin, einen alten Landarzt, der Gärtner, der in seiner Freizeit Geschichte studiert, etc, etc, etc.

Wie bei allen Romanen von Alice Hoffman gibt es auch hier wieder kleinere, magische Elemente. Die Fähigkeiten der Sparrow Frauen gehört auf jeden Fall dazu, aber es gibt noch mehr – z.b. muss man Bienen manchmal um Verzeihung bitten, wenn man einen schönen Garten haben will. Und Jenny schrie bei der Geburt ihrer Tochter so laut, das

„Patienten auf der Herzstation spürten, wie ihr Puls zu rasen begann, und in der Cafeteria gerann der Zitronenpudding in allen Schalen und musste in den Müll geworfen werden.“ (Seite 14)

Die kleinsten Details werden genau beschrieben, vor allem die Natur spielt eine große Rolle. Alleine die verschiedenen Arten von Regen:

„Fischregen, Rosenregen, Narzissenregen, Prachtregen, Rotkleeregen, Schuhwichsregen, Sumpfregen und den gefürchteten Steinregen […]“ (Seite 160)

Ich finde ihren Schreibstil einfach wundervoll. Oft könnte ich sowas nicht lesen, aber da ich mir die Bücher von Frau Hoffman immer lange aufhebe, ist es dann immer wieder ein wunderbares Erlebnis für mich.

Ab und zu gibt es einen kleinen Rückblick auf Rebecca Sparrow, die erste der Sparrow Frauen in Unity. Ihr Leben wird grob geschildert, vor allem ihre Fähigkeit und wie diese letztendlich zu ihrem Tod beitrug. Die anderen Sparrow Frauen werden nur kurz am Rande erwähnt.

Ganz nebenbei finden sich auch noch einige Paare in neuen Konstellationen zusammen. Das war schon fast ein wenig kitschig, aber schön-kitschig, nicht klebrig-kitschig. ;)

Fazit: Eine wunderbar poetische und magische Geschichte über eine Familie.

5sterne

3 Comments

  1. Du hast mich wirklich neugierig auf die Autorin gemacht – allerdings scheint sie in meiner Stadtbibliothek nicht wirklich begehrt zu sein, denn ich kann keinen einzigen Titel online vormerken (was der Fall wäre, wenn die Bücher ausgeliehen wären ;) ). So muss ich beim nächsten Bibliotheksbesuch unbedingt dran denken, dass ich mir einen ihrer Romane mal aus den anderen Zweigstellen bringen lasse. Ich denke, ich werde mit den „zauberhaften Schwestern“ anfangen, da habe ich ja schon eine Vorstellung von der Handlung … :)

    • „Zauberhafte Schwestern“ war auch mein Einstiegsbuch und es ist immer noch mein Lieblingsbuch von ihr. Wenn dir das gefällt, dann magst du die anderen Bücher bestimmt auch. Die älteren Ausgaben sind übrigens unter dem Titel „Im Hexenhaus“ erschienen. ;)

      So ganz verstehe ich auch nicht, warum die Autorin bei so vielen Büchern (ich glaube, es sind mehr als 20 erschienen) doch relativ unbekannt ist…

      • Ja, diese ältere Ausgabe ist auch in meiner Bibliothek im Katalog aufgeführt – nur leider nicht in meinem Stadtteil.

        Das Unverständnis bewegt mich bei so einigen Autoren. Ich fürchte, es liegt wirklich am Marketing des Verlags. So beliebt wie der Film ist, habe ich doch vorher nie davon gehört, dass der auf einem Buch basiert. Hätte man das etwas mehr beworben, dann hätten vielleicht mehr Leute die Autorin entdeckt als der Film noch aktueller war.

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