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[Rezension] Boris Vian: Der Schaum der Tage

Originaltitel: L’Écume des jours, 1946
Genre: Surrealer Liebesroman
Leseprobe

Colin, ein wohlhabender Mann, lebt glücklich und zufrieden im Paris der 1940er Jahre. Er muss nicht arbeiten, kann sein Leben genießen und er verehrt Duke Ellington. Sein Koch Nicholas besticht durch fantastische Ideen – er holt einen Aal mit Hilfe von Ananas Zahncreme aus der Wasserleitung und macht daraus eine leckere Pastete. Auch besitzt er ein Pianococktail, ein Klavier, das Cocktails produziert, wenn man auf ihm ein Lied spielt. Sein bester Freund ist der arme Chick. Der gibt das wenige Geld, das er hat, für Bücher Jean-Sol Partre aus und er ist verliebt in Alise, der Nichte von Nicholas‘. Colin ist ein bisschen neidisch, denn verlieben möchte er sich auch. Dann findet er seine große Liebe in Chloé. Doch schon auf der Hochzeitsreise wird sie krank – in ihrer Lunge wächst eine Seerose.

Gute drei Jahre lag das Buch bei mir schon ungelesen rum und wenn nicht bald die Verfilmung erscheinen würde – keine Ahnung, ob ich das Buch jetzt gelesen hätte. Aber so befreite ich es von der Folie und begann zu lesen. Und war von der ersten Seite an hingerissen. Schon die Beschreibung von Colin bei der Morgentoilette fand ich herrlich absurd:

Colin legte den Kamm hin, griff zur Nagelschere und schnitt die Ränder seiner schlaffen Augenlider schräg, um seinen Blick mit Geheimnis zu umgeben. Er mußte die Lider häufig stutzen, denn sie wuchsen schnell wieder nach.
Seite 9

Das Buch lässt sich nur schwer beschreiben. Es ist grotesk, bizarr, makaber, romantisch und herzzerreißend tragisch. Chloé wird immer kränker, Colin gibt einen Haufen Geld für die Behandlung aus, doch seine Dukaten reichen nicht ewig. Das hat auch Auswirkungen auf das Haus, in dem die beiden leben. Die Sonne scheint nicht mehr so hell, die Räume werden kleiner, feuchter. Die Küchenmäuse tanzen nicht mehr fröhlich im Sonnenschein, der wie Quecksilber ist, sondern hocken still in einer dunklen Ecke. Überhaupt ist das Leben nur für reiche und gesunde Leute schön. Wer arm ist, der bekommt weder eine schöne Hochzeit noch eine würdige Beerdigung. Wer krank ist und das Mediziner Viertel besucht, kann mit Schauern die Ströme aus Eiter und Äther sehen (und riechen!). Wer beim Eislaufen unglücklich stürzt, dessen Leiche wird von der Putztruppe schnell vom Eis gefegt. :(

Neben der tragischen Liebesgeschichte von Colin und Chloé spielt auch das zweite Paar Chick und Alise in dem Buch eine wichtige Rolle. Ihre Beziehung ist ebenso tragisch, aber auf eine völlig andere Art und Weise.

L’Écume des jours war beim Erscheinen den Buches eher ein Flop, wurde aber später zu einem absoluten Kultbuch. Und wer sich fragt, warum Vian gerade Sartre so durch den Kakao zieht, findet den Grund u.a. bei Wikipedia – Vians Frau und Sartre hatten eine Affäre.

Fazit: Lust auf ein völlig abgedrehtes, phantastisch verrücktes Buch? Dann unbedingt lesen!

5sterne

Am 3. Oktober soll der Film nun in die deutschen Kinos anlaufen. Ich bin irrsinnig gespannt!

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