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[Rezension] Sabine Fellner, Katrin Unterreiner: Morphium, Cannabis und Cocain

Originaltitel, 2008
Genre: Sachbuch

Der Titel klingt recht reißerisch, hat aber seine Wirkung bei mir erfüllt – denn erst dadurch wurde ich auf das Buch aufmerksam. Und spätestens der Untertitel Medizin und Rezepte des Kaiserhauses verrät, das es sich hier um ein Buch aus dem Bereich der Medizingeschichte handelt.

Das Buch beginnt zunächst einer Einführung über die Wiener Gesellschaft um 1900. Dabei wird auf das Leben aller Gesellschaftsschichten eingegangen.

Dem schließen sich dann mehrere Kapitel an, in denen auf einzelne Mitglieder der Kaiserfamilie und ihre Krankheitsgeschichte eingegangen wird. Am Ende jedes Kapitels werden Rezepte abgedruckt, die der jeweiligen Person verschrieben wurden. Die Mitlieder des Kaiserhauses, die so dargestellt werden sind Erzherzog Otto, Kronprinz Rudolf, Kaiser Franz Joseph, Kaiserin Elisabeth  und Erzherzog Franz Ferdinand. Die meisten von ihnen litten unter geheimen Krankheiten – Krankheiten, die zwar Millionen von Menschen betraf, die aber zu unschicklich waren, sie laut auszusprechen. Zumindest in des besseren Gesellschaft: Syphilis und Gonorrhöe, dazu natürlich noch die Tuberkulose. Letztere war zwar keine geheime Krankheit, Heilmethoden gab es aber auch nicht wirklich.

Erschreckend ist aus heutiger Sicht der Umgang mit den Krankheiten und deren Therapieversuche. Quecksilberumschläge gegen Syphilis und heiße Abreibungen der Geschlechtsorgane gegen Gonorrhöe jagten aber auch den Menschen damals Schrecken ein. Natürlich gab es genügend Quacksalber, die anderweitig Heilung versprachen, die Zeitungen der Zeit waren voller entsprechender Anzeigen.

Die Therapie gegen Tuberkulose klingt da schon angenehmer: Ruhe, frische Luft, gesunde Kost. Einigen wenigen hat es geholfen, geschadet hat es niemanden – aber für die allermeisten völlig unbezahlbar.

Ebenfalls aus heutiger Sicht verblüffend wirkt der damalige Umgang mit Morphium und Co. Heutzutage fallen diese Substanzen allesamt unter das Betäubungsmittelgesetz. Damals gab es aber kaum andere Mittel und man hielt sie lange Zeit für harmlos. Und das ist auch der Punkt, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Welche Medikamente halte ich heute für harmlos und muss in 20, 30 Jahren feststellen, das es ein Irrtum war?

Davon abgesehen war mir das Buch oft zu oberflächlich. Vieles wurde mir zu schnell abgehandelt. Anderes fand ich dagegen eher überflüssig, vor allem die oft seitenlangen Rezepte gehören dazu.

Fazit: Für mich ein sehr faszinierendes Thema, das aber leider eher schleppend umgesetzt wurde.

3sterne

3 Comments

  1. In Biografien stolpert man ja auch immer wieder über Krankheiten, Medizin oder besondere Ernährung von historischen Persönlichkeiten und da gibt es auch viele erschreckende Details.

    Was deine Überlegung zum Thema Medizin angeht: Seitdem eine Freundin von mir einen Medikamentenentzug machen musste, weil sie jahrelang von diversen Fachärzten immer schlimmere Medikamente gegen ihre Migräne verschrieben bekommen hat, bin ich da unglaublich skeptisch. Und auch wenn homöopathische Mittel auch nicht immer harmlos sind und mit Respekt behandelt werden sollte, so finde ich es faszinierend, welche kleine Mengen oft schon helfen und wie hoch die gleiche Substanz in der Regel in freiverkäuflichen Medikamenten dosiert ist.

    • Homöopathie finde ich auch irgendwie faszinierend. Einerseits denke ich mir immer „das kann doch gar nicht helfen“, andererseits hilft es eben doch. Manchmal. Freunde von mir lassen ihren Hund gerne auf diese Weise behandeln und meistens hilft es. ;)

      • Bei mir waren es auch die Katzen, die mich davon überzeugt haben. Vorher war ich arg skeptisch, weil ich auch fast nur Personen kannte, die Homöopathie nutzten und deren „esoterisches“ Benehmen ich befremdlich fand. Aber nachdem es bei den Katzen so gut wirkt, nutze ich es auch verstärkt. :) Faszinierenderweise nutzt die herkömmliche Medizin ja zu einem Großteil genau die gleichen Bestandteile für ihre Medikamente, während es uns seltsam vorkommt, dass die reduzierte „natürliche“ Form auch eine Wirkung haben könnte. Wir Menschen haben uns ganz schön weit von der Natur entfernt …

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