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[Rezension] Marlen Haushofer: Die Wand

Originaltitel, 1963
Genre: Dystopie

Eine Frau besucht ihre Cousine und deren Mann in einem Jagdhaus in Tirol. Abends besucht die Cousine mit ihrem Mann den Gasthof im Tal. Am nächsten Morgen stellt die Frau fest, das weder ihre Cousine noch ihr Mann zurückgekommen sind. Sie macht sich auf den Weg ins Tal und stößt dabei auf eine unsichtbare Wand, die sie vom Rest der Welt abschneidet.

Meine Gedanken vor der Lektüre waren etwas verworren. Ich wusste nicht viel über das Buch – irgendwas mit einer Frau und einer Wand. Robinson Crusoe, bloß ohne Freitag und in den Bergen. Dystopie, düsterer Endzeitroman … oder so ähnlich. Irgendwann mal irgendwo billig gekauft, weil es „gut sein soll“. Eigentlich wollte ich das Buch aussortieren, aber ich wollte es wenigstens kurz anlesen. Ein paar Seiten, nur um dann befriedigt festzustellen, das es mir nicht gefiel und dann weg damit.

Selten so getäuscht. ;)

Von Anfang an nahm mich die kühle, schnörkellose Sprache gefangen. In Rückblenden beschreibt die Frau von ihrem neuen Leben. Sie ist nicht ganz alleine. Sie hat einen Hund, schnell kommt auch noch eine Kuh und schließlich auch eine Katze dazu.

Vieles in dem Buch bleibt unklar. Weder erfährt man den Namen der Frau noch was es mit der Wand auf sich hat.

Zwar überlegt die Frau, was es mit der Wand auf sich hat, aber oft hat sie keine Zeit, sie muss ihre Tiere versorgen. Kartoffeln und Bohnen anbauen. Sie ist ganz alleine und muss um ihr Überleben kämpfen. Und das macht sie auch.
Sie schreibt ihr neues Leben auf. Sie beschreibt darin, was sie tut, wie sie ihr Leben verbringt, in der Hoffnung, das es doch noch irgendjemand lesen könnte. Obwohl sie ganz genau weiß, das es wahrscheinlich niemanden mehr gibt. Und genau das war für mich das gruselige an dem Buch. Nicht nur, das sie ganz alleine ist. Auf der anderen Seite der Wand scheint es kein einziges Lebewesen mehr zu geben. Sie kann einen alten Mann sehen, doch der ist völlig erstarrt, so das sie zunächst gar nicht weiß, ob der wirklich tot ist. Auch alle anderen Lebewesen sind völlig erstarrt. Nur auf ihrer Seite der Wand gibt es Lebewesen – das Wild im Wald, eine verwilderte Katze, eine Kuh, die sich zufällig auf dieser Seite der Wand befand, der Hund ihrer Cousine, der am Abend, als das Verhängnis begann, lieber im Haus blieb. Für die Tiere muss sie Sorgen, denn zumindest die Kuh könnte ohne sie nicht überleben. Aber sie ist durch die Tiere auch gebunden. Die Melkzeiten hindern sie daran, ihre Umgebung richtig zu erkunden und so hat sie keine Ahnung, wie groß der Raum ist, den sie innerhalb der Wand zur Verfügung hat. Stattdessen beobachtet sie sich selber und merkt schließlich, das sie nicht mehr die gleiche Person ist wie früher – zu einschneidend sind die Veränderungen.

Der Roman selber plätschert zwar eher so dahin, es gibt keine wirklichen Höhepunkte, es ist die Schilderung eines Überlebenskampfes. Doch am Ende gibt es trotzdem ein einschneidendes Erlebnis, das mir erstmal die Luft wegblieb. Und dann ist es zu Ende und ich überlegte danach noch stundenlang, wie die Geschichte weiter gehen könnte. Und auch jetzt überlege ich immer noch, was sich nun für die Frau verändert hat, welche Konsequenzen sie daraus zieht.

Fazit: Nicht umsonst ein moderner Klassiker. Und gerade bei den ganzen typischen Jugendbuch Dystopien, die seit einiger Zeit nur so auf den Markt fluten, ist dieses Buch einfach eine Ausnahmeerscheinung. Sehr lesenswert!

5sterne

 

Letztes Jahr wurde das Buch mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber der Trailer scheint mir die düstere Stimmung einzufangen:

4 Comments

  1. Ach ja, der Roman war meine Lieblings-Schullektüre. Ich hab ihn an einem Nachmittag durchgelesen und musste dann erst mal nach draußen gehen, um mich zu vergewissern, dass noch Autos fahren …
    Der Film ist übrigens auch sehr sehenswert, auch wenn er meiner Ansicht nach in eine etwas andere interpretatorische Richtung geht als der Roman.

  2. Ah, das klingt ja super! Ich hab das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen, aber auch erst mal unbesehen auf den SuB gelegt. Den Filmtrailer fand ich auch interessant und dachte so: „Vielleicht solltest du das Buch ja doch mal lesen.“ Durch deine Rezi ist das Buch auf der Leseliste jetzt ganz weit nach oben gewandert. :-)

  3. Das steht bei mir auch schon lange auf der Leseliste – schon vor der Verfilmung hatte es mir eine Freundin begeistert empfohlen, und interessiert hatte es mich auch schon, als ich das erste mal davon hörte. Bloß ist das sowas Düsteres, dass ich doch immer andere Bücher vorziehe – ich mag Bücher mit bedrückender Stimmung ja gar nicht so gern lesen … Aber irgendwann tu ich’s bei diesem trotzdem. ;-)

    • Ich mag ja auch keine bedrückende Stimmung beim lesen und wahrscheinlich habe ich das Buch aus deshalb jahrelang verstauben lassen…

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