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[Rezension] Kathrin Aehnlich: Alle sterben, auch die Löffelstöre

Originaltitel, 2007
Genre: Gegenwartsliteratur
Leseprobe

Paul ist tot. Und seine beste Freundin Skarlet soll bei der Beerdigung eine Rede halten. Sie erinnert sich an die Kindheit, das Studium, Partner und Kinder.

Aufgewachsen sind die beiden in der ehemaligen DDR. Der Kindergärtnerin Tante Edeltraut (die eher eine Wärterin ist) sind die beiden Kinder mit den seltsamen Namen vom ersten Moment an verdächtig:

Vielleicht war es der Name gewesen, der sie wie ein unsichtbares Band miteinander verbunden hatte. Jean-Paul Langanke und Skarlet Bucklitzisch. Ein Bund gegen alle Mütter der Welt, die Macht über Namen hatten. Ein Bund gegen Tante Edeltraut, die sie spüren ließ, daß die Kinder in einem sozialistischem Kindergarten Petra hießen, Monika, Bernd, Andreas und, gerade noch geduldet, Claudia, aber niemals Skarlet und Jean-Paul.

(Seite 40)

Und so ist es im ersten Moment eher eine Schicksalsgemeinschaft, die sich aber schnell zu einer engen Freundschaft entwickelt. Einer Freundschaft, aus der nie Liebe wurde. Auch das eine Sache, die von den Mitmenschen nicht verstanden wurde. Skarlet heiratet früh, bekommt eine Tochter. Paul dagegen findet erst spät seine Frau fürs Leben. Ein Leben, das viel kürzer sein wird, als er es ahnen kann.

Die Zeitebenen wechseln immer wieder hin und her. In der Gegenwart ist Skarlet mit dem Alltag beschäftigt. Sie hilft Pauls Frau bei der Erledigung der Dinge, die nach dem Tod eines Menschen anfallen. Zusammen suchen die Frauen einen Sarg aus, sie passt auf den kleinen Lukas auf, der jetzt ohne Vater aufwachsen wird. Dabei gleiten ihre Gedanken immer wieder zu früheren Zeiten ab. Irritierend fand ich die Gedankensprünge kein bisschen.

Manche der Erinnerungen sind eher humorvoll. Vor allem die Zeit aus dem Kindergarten nimmt sehr viel Platz ein. Und wenn die beiden Kinder da vor ihrer lauwarmen Milch mit Haut sitzen, dann schüttelt es mich (roter Tee ist übrigens auch sehr widerlich!). Trotzdem ist das ganze Buch eher wehmütig, denn das Paul tot ist, blieb ständig in meinem Hinterkopf.

Übrigens: Auch wenn der Titel merkwürdig klingt – im Nachhinein passt er perfekt zum Buch. Denn auch Löffelstöre, deren Art immerhin schon seit etwa 80 Millionen Jahre existiert, müssen irgendwann sterben.

Fazit: Ein bisschen nostalgisch, ein bisschen lustig, ein bisschen melancholisch – vor allem aber ein warmherziges Buch über eine Freundschaft.

5sterne

8 Comments

  1. Wie schön das klingt! :) Ich habe auch einen Freund seit Kindergartentagen. 30 Jahre also inzwischen… auch wenn ich hoffe, dass er noch 100 Jahre lebt, ist das vielleicht ein schönes Geburtstagsgeschenk. :)

    • So lange Freundschaften kann ich nicht vorweisen, aber schön, das es sowas tatsächlich gibt! :)

      Ich kann mir gut vorstellen, das dir das Buch auch gefallen könnte. ;)

      • Ja, gibt es. Ist schon irgendwie lustig, sich klarzumachen, dass man mit jemandem eigentlich sein ganzes Leben über befreundet war/ist.
        Das Buch klingt so gut… aber ich bleibe stark. Ich bleibe ganz ganz stark. Bestimmt.

      • Och, stark sein wird überschätzt. ;) Das Buch ist auch nicht besonders dick, sind nur 250 Seiten…

  2. Tanja

    Deine Buchbesprechung hat mich so begeistert, dass ich den Roman mit dem nächsten Besuch im Buchhandel bestellen werde. Nach sowas habe ich gesucht! Vielen Dank!

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