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[Rezension] Frances de Pontes Peebles: Die Schneiderin von Pernambuco

Originaltitel: The Seamstress, 2008
Genre: Historischer Roman
Leseprobe

Pernambuco / Brasilien, 1928:
Die Schwestern Emília und Luzia wachsen nach dem Tod der Eltern bei ihrer Tante in dem Dorf Taquaritinga im Norden Brasiliens auf. Ihre Tante Sofia ist Schneiderin und führt die Mädchen früh in das Geschäft ein. Doch die beiden Schwestern sind völlig unterschiedlich und ihr Leben trennt sich bald. Emília sieht für sich auf dem Land keine Zukunft. Sie träumt von einem Leben in der Stadt, will einen gepflegten Mann zum Ehemann, keinen ungebildeten Bauern.
Luzia hat noch weniger Chancen auf einen Ehemann. Ihr Arm ist nach einem Unfall als Kind steif geblieben und als Krüppel ist sie in Taquaritinga nichts wert. Als das Dorf von Cangaceiros (=Banditen) überfallen wird, wird Luzia von ihnen entführt. Emília dagegen brennt kurze Zeit später nach Recife, der Hauptstadt von Pernambuco durch.

Während Emília in der Hauptstadt von ihrer Schwiegermutter Benimmunterricht erhält, schließt sich Luzia den Banditen an und wird selber zu einer, heiratet sogar den Hauptmann. Als die „Schneiderin“ wird sie ebenso gefürchtet wie ihr Mann und ist genauso grausam. Emília dagegen merkt schnell, das ihr Mann ganz eigene Gründe für die Ehe hatte. Und in der guten Gesellschaft von Recife bleibt sie eine Außenseiterin. Außerdem hat sie Angst, das irgendwann herauskommt, das ihre Schwester nicht tot ist, sondern eine gefürchtete Kriminelle.

Die Schneiderin von Pernambuco ist ein hochinteressanter historischer Roman über ein Land und eine Zeit, von der ich so gut wie gar nichts weiß wußte. Ich hatte vorher keine Ahnung, das es in der brasilianischen Wüste früher nur so von Banditen so wimmelte. Ich hatte keine Ahnung, wie die Wahlen dort früher funktionierten (die Landbesitzer, die „Colonels“ gaben für ihre Untergebenen die Stimmen ab). In Recife dagegen scheint das Leben nur aus Regeln zu bestehen. Vor allem für Frauen aus der oberen Gesellschaft gibt es tausende Regeln, die man nur kennen kann, wenn man in das System hineingeboren wurde. Alleine schon die Unterscheidung zwischen den „Alten“ und den „Neuen“ Familien ist verwirrend. Gleichzeitig ist das Land im Umbruch. Die Weltwirtschaftskrise von 1930 betrifft auch Brasilien und es kommt zu einem Aufstand, an dessen Ende eine neue Regierung steht. Die Frauen erhoffen sich mehr Freiheit, vor allem aber das Wahlrecht.

Vor diesem Hintergrund wird das Leben der Schwestern geschildert. Dabei hat jede ihre Fehler.  Emília macht sich Vorwürfe, das sie ihre Schwester nicht beschützt hat vor den Cangaceiros. Luzia dagegen weiß gar nicht mehr, was sie von ihrer Schwester halten soll. Zu fremd ist ihr die Welt, in der diese lebt. Luzias Leben besteht aus der Wüste und Antonio, dem Hauptmann.

Das Buch besteht aus vierzehn Kapiteln, dazu kommen noch ein Prolog und ein Epilog. Abwechselnd wird aus der Roman aus der Sicht der beiden Schwestern erzählt. Dabei umfasst der Roman übrigens nur einen Zeitraum von sieben Jahren, von 1928 – 1935.

Dabei empfand ich übrigens die Kapitel, in denen aus dem Leben von Emília erzählt wurde, etwas spannender. Ihr Leben schien mir nicht so vorhersehbar zu sein. Auch wenn sie eine Außenseiterin ist, die ihrem Mann gleichgültig ist und von der Schwiegermutter mit Misstrauen beobachtet wird, sie macht trotzdem ihren Weg. Luzia dagegen – naja, sie macht auch ihren Weg. Aber ihr Leben als Banditin ist doch sehr vorgezeichnet: sie folgt ihrem Mann durch die Wüste, sie werden gejagt von Soldaten und machen ihrerseits Jagd auf die Großgrundbesitzer. Sehr fremdartig fand ich die Ehrbegriffe, nach denen die Cangaceiros ihre Morde verüben. Manchmal wirken sie wie die Rächer der Armen, etwa wenn sie Männer umbringen, die vorher ein armes Mädchen vergewaltigt haben. Dann scheinen sie wieder einfach aus der Lust am Töten zu morden. Und ich fand es ziemlich unheimlich und erschreckend, wie ein vorher „normales“ Mädchen das alles irgendwann akzeptiert und schließlich selber mitmacht. Heute würde man das wohl mi dem Stockholm Syndrom erklären.

Was ich vermisst habe: ein Glossar, in dem die verschiedenen portugiesischen Begriffe erklärt wurden. Brasilien ist wohl für die meisten Europäer kein Land, über dessen Geschichte man viel weiß. Von daher hätte ich ein bisschen Hintergrundwissen ganz nett gefunden.
Zumindest über die Cangaceiros gibt es bei Wikipedia einen kurzen Artikel (und einen längeren auf Englisch). Zumindest teilweise hat Frances de Pontes Peebles sich durch Lampião, dem brasilianischen Gegenstück zu Jesse James beeinflussen lassen.

Fazit: Ein richtig schöner Historienschmöcker über zwei ungleiche Schwestern. Sowas gibt es zwar öfter, aber in Kombination mit der Geschichte Brasiliens unterscheidet sich das Buch von vielen anderen. Lesenswert!

4sterne

2 Comments

  1. Hm, das hört sich interessant an, das werde ich mir mal merken! Auf jeden Fall mal was ganz anderes, und wenn man noch ein bisschen was über die Geschichte eines Landes lernt, von der man so ziemlich gar keine Ahnung hat, um so besser!

    • Anders war es auf jeden Fall!

      Man darf natürlich nicht vergessen, das es sich um einen Roman und nicht um ein Sachbuch handelt. Aber es hat mich tatsächlich dazu animiert, verschiedenes über Brasilien nachzulesen. Und auf die Idee wäre ich vorher nie gekommen.

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