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[Rezension] Chimamanda Ngozi Adichie: Blauer Hibiskus

Originaltitel: Purple Hibiscus, 2003
Genre: Gegenwartsliteratur
Leseprobe

Der 15-jährigen Kambili scheint es an nichts zu fehlen. Sie lebt mit ihren Eltern und dem älteren Bruder Jaja in Enugu/Nigeria. Die Familie ist wohlhabend, ihr Vater ist der Verleger der einzigen kritischen Zeitung. Mit seinem Geld unterstützt er zahlreiche ärmere Familien. Amnesty World verleiht ihm sogar einen Preis für seinen Einsatz für die Menschenrechte. Doch das alles ist nur Fassade. Denn der Vater ist ein religiöser Fanatiker, der das Wort Gottes mit aller Brutalität durchsetzt. Während er in jeder Messe als leuchtendes Beispiel für die Gemeinde erwähnt wird, schlägt er seine schwangere Frau zu Hause so brutal, das sie eine Fehlgeburt erleidet. Nicht die erste. Und wenn Kambili wegen ihrer Periode eine Schmerztablette braucht und die Mutter ihr auch noch eine Kleinigkeit zu essen gibt, so wird die gesamte Familie dafür mit dem Gürtel verprügelt. Der Verstoß: Kambili konnte so die Hostie nicht mehr nüchtern entgegen nehmen.

„Warum geht ihr der Sünde entgegen?“ fragte er. „Warum gefällt sie euch, die Sünde?“ (Seite 109)

Von dem traditionelle Glauben der Igbo wissen die beiden Kinder fast nichts. Doch dank ihrer Tante Ifeoma, die als Dozentin an der Universität arbeitet, lernen die Kinder schließlich den Großvater kennen, der weiterhin die alten Götter anbetet und dem traditionellen Glauben pflegt. Schließlich dürfen die Kinder sogar eine Woche bei ihrer verwitweten Tante und deren drei Kinder verbringen.

Zaghaft entdeckt Kambili eine ganz neue Welt. Eine Welt, in der gelacht wird und in der sich die Kinder an Diskussionen beteiligen dürfen und sollen.

Ich wollte mit ihnen reden und mit ihnen lachen, wollte vor Vergnügen auf und ab hüpfen, so wie sie es taten, wenn sie lachten, aber meine Lippen klebten aufeinander. (Seite 148)

Aber auch eine Welt, die geprägt ist von Stromabschaltungen, in der es kein fließendes Wasser gibt, in der verdorbenes Fleisch so stark gewürzt wird, das man nur noch die Schärfe schmeckt. Zwar haben Kambili und Jaja auch im Hause des Vaters von den Problemen in Nigeria gehört, aber erst bei der Tante erfahren sie Dinge wie Benzinmangel und willkürliche Hausdurchsuchungen am eigenem Leib. Und immer wieder die gleiche Diskussion: In Nigeria bleiben und versuchen, etwas zu ändern? Oder aufgeben und auswandern?

Der Roman wird in Ich-Form aus der Sicht von Kambili erzählt. Die Sprache ist eher einfach gehalten, die Sätze sind kurz und knapp und irgendwie wirkt die Erzählung distanziert. Es kommen immer wieder nigerianische Ausdrücke vor, die aber am Ende in einem Glossar kurz erklärt werden. Gestört hat mich das kein bisschen.
Kambilis Art hat es mir am Anfang sehr schwer gemacht. Denn es ist mitnichten so, das sie ihren Vater hasst. Nein, sie liebt ihn sogar und tut alles, damit er mit ihr zufrieden ist. Zumindest wirkt es so am Anfang. Später merkt man, das sie ihren Vater zwar liebt, aber noch viel mehr Angst vor ihm hat. Gerade dieses hin und her aus Liebe und Angst macht das Buch für mich unglaublich bedrückend.

Fazit: Ein sehr interessantes Buch über Fanatismus und Missbrauch. Und im Hintergrund Nigeria mit all seinen Problemen. Faszinierend, aber auch sehr bedrückend.

4sterne

Info: Leider scheint das Buch im Moment völlig vergriffen zu sein. Aber wer es zufällig auf einen Flohmarkt o.ä. ergattern kann, der sollte unbedingt zuschlagen!

3 Comments

    • Wobei das jetzt wirklich schnell ging – vor einer Woche, als ich das Buch angefangen habe, war es als Taschenbuch noch erhältlich. Schade, auch ihre anderen Bücher sind teilweise (bis auf das neueste) vergriffen. Ich habe mir jetzt die englischen Ausgaben auf den Wunschzettel notiert, die gibt es zum Glück. ;)

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