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[Rezension] Niccolò Ammaniti: Die Herren des Hügels / Ich habe keine Angst

Originaltitel: Io Non Ho Paura, 2001
Genre: Erzählung
Verlag: C. Bertelsmann
Umfang: 253 Seiten
Die deutsche Übersetzung erschien unter zwei verschiedenen Titeln:
Die Herren des Hügels (HC) und
Ich habe keine Angst (TB).

Irgendwo im tiefen Süden Italiens liegt inmitten von Weizenfeldern Acqua Traverse, eine Ansammlung von fünf Häusern. Die Menschen sind arm und die Zeit scheint still zu stehen. Es ist Sommer, ein unerträglich heißer Sommer im Jahre 1978. Die Kinder haben Ferien und spielen trotz der Hitze draußen.
Eines dieser Kinder ist der neunjährige Michele Amitrano, neun. Sein Vater ist LKW Fahrer und oft unterwegs. Aber in diesem Sommer ist er nach Hause gekommen und verspricht, das sich alles ändern wird.
Beim Spielen in einem verlassenen Haus entdeckt Michele einen fremden, halbverhungerten Jungen, der etwa im gleichem Alter scheint. Zuerst denkt er, das der Junge tot ist, doch dann bemerkt er, das der Junge lebt. Warum er aber in einem Loch im Boden hockt und am Fuß gefesselt ist, kann Michele sich zunächst nicht erklären. Der Junge scheint verrückt zu sein, er redet nur unzusammenhängendes Zeug. Michele findet das Geheimnis spannend und erzählt niemanden von seiner Entdeckung. Stattdessen bringt er dem Jungen Essen und Wasser. Doch dann muss er feststellen, das der Junge entführt wurde. Und das die Erwachsenen des Dorfes damit zu tun haben, auch seine Eltern…

Italienische Literatur steht auf meiner Liste sehr weit unten. Nicht absichtlich, aber sie fällt mir einfach nie ins Auge. Dieses Buch lag dann auch mehrere Jahre auf meinem SuB, bis ich es für meine Aktion Europa erlesen hervorgekramt habe. Aber nachdem ich mit damit begonnen hatte, konnte ich es nur schwer aus der Hand lesen.

Michele ist der Ich-Erzähler aus dem Buch. Alles, was im Dorf geschieht, wird durch seine Augen gefiltert dargestellt. Er ist genervt von der kleinen Schwester, die ihn beim Spielen mit den anderes Kindern behindert – kein Wunder, sie ist ja auch erst fünf Jahre alt. Der Anführer der Kinder ist ein zwölfjähriger Junge mit dem Spitznamen Totenkopf. Teilweise sind die Spiele ganz schön grausam und vor allem für das einzige Mädchen in der Gruppe auch recht entwürdigend. So wird Barbara eines Tages dazu gezwungen, den anderen Kindern ihren (gerade wachsenden) Busen zu zeigen.

Das Buch ist mit gut 250 Seiten eher kurz und durch die einfach Sprache kann man es theoretisch im nu durchlesen. Aber es lohnt sich definitiv, zwischendurch mal über den Inhalt nachzudenken und ihn auf sich wirken zu lassen. Denn auch wenn die Sprache eher einfach ist, die Beschreibung der Landschaft und der Gefühle ist unglaublich bildhaft. Ich habe beim lesen die brennende Sonne gespürt, den Weizen gerochen, die Eltern streiten gehört.

Am Tag war er gut,
doch in der Nacht
war er böse.
(S. 108)

Besonders eindringlich fand ich die Entwicklung von Michele. Am Anfang findet er noch sehr fantasievolle und kindliche Gründe, warum der fremde Junge in einem Loch liegt. Doch irgendwann kann er die Augen nicht mehr verschliessen und der Moment, in dem er entdeckt, das seine Eltern nicht nur einfach Eltern sind, sondern auch zu bösen Dingen in der Lage sind, ist einer der traurigsten im ganzen Buch. Teilweise wurde das Buch auch in die Krimi / Thrillerecke gestellt. Aber obwohl es um eine Entführung geht, ist das eigentliche Thema das Buch die Geschichte eines Jungen, dessen Kindheit auf ziemlich drastische Weise beendet wird.

Das Buch wurde übrigens auch verfilmt unter dem Titel Ich habe keine Angst. Ich vermute mal, das deshalb auch das Taschenbuch unter dem Titel erschien. ;)


Mir ist der Film genauso unbekannt wie es das Buch noch vor kurzem war. Aber der Trailer macht richtig Lust auf den Film!

Fazit: Grandios. Ein unglaublich schönes Buch, das extrem unter die Haut geht. Leider ist nur noch gebraucht erhältlich – und das zu teils heftigen Preisen. :(

5sterne

4 Comments

  1. Das klingt echt gut!
    Und bei uns in der Bücherei gibt es das sogar … bloß leider nur auf italienisch. *seufz*

    • Ach Mensch. Ich kann es mir lebhaft – zuerst ein „Juchu“, das Buch gibt es und Sekunden später einen traurigen Seufzer: „Italienisch? Och nee…“ :(

      Ich muss gestehen, ich überlege auch immer wieder, ob ich solche vergriffenen Bücher überhaupt rezensieren soll. Allerdings wäre ich gerade bei diesem speziellen Buch geplatzt, wenn ich nichts hätte schreiben können. ;)

  2. Ich möchte mich hier noch für deine tolle Rezension bedanken, die mich erst auf den Roman aufmerksam gemacht hat. Und die Lektüre hat sich wirklich gelohnt!

    • Oh bitte, gern geschehen! ;-)

      Schön das du es in der Bücherei auftreiben konntest. Ich hoffe ja, dass das Buch irgendwann neu erscheinen wird, es hätte soviel mehr Leser verdient…

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