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[Rezension] Tendai Huchu: The Hairdresser of Harare

the hairdresser of harareHarare, Zimbabwe. Ein Land, das noch immer unter den Folgen des Bürgerkrieges leidet. Die Touristen bleiben weg, die Korruption blüht, das Geld verliert seinen Wert rasend. Und ein Land, in dem wie in vielen afrikanischen Ländern eine extreme Homophobie herrscht, die wir uns hier im Westen in dem Ausmaß gar nicht vorstellen können.

Hier lebt die Friseuse Vimbai, 26 Jahre alt, ledig, mit einer Tochter. In dem Friseursalon, der zu einem der besten in Harare gehört, ist sie die Starfriseurin. Sogar eine Ministerin ist unter ihren Kundinnen. Vimbai ist darauf außerordentlich stolz, reich wird sie damit aber nicht. Zwar lebt sie in einem eigenen Haus, allerdings hat sie sich wegen dieser Erbschaft auch mit ihrer restlichen Familie zerstritten. Ihrer Tochter gegenüber bringt sie gemischte Familie entgegen – zwar liebt sie ihr Kind, aber das sie als gläubige Christin ein uneheliche Tochter hat, das nagt gewaltig an ihr. Außerdem hat sie Geldsorgen und weiß nicht, wie sie ihrer Tochter eine gute Schulbildung finanzieren soll.

Nachdem im Salon eine Stelle frei wird, stellt ihre Chefin tatsächlich einen Mann ein. Männliche Friseure, sowas gibt es in Zimbabwe nicht. Das ist Frauenarbeit, da sind sich alle einig. Dumisani, so heißt der junge Mann, ist ein paar Jahre jünger als Vimbai, aber er hat ein ungeheuerliches Talent. Schnell spricht sich herum, das Dumisani jede Frau nur mit seiner Schere verwandeln kann, noch schöner machen kann. Das Geschäft boomt, nur in Vimbai brodelt die Eifersucht. Denn nun darf sie nur noch die zweite Geige spielen. Doch wegen ihrer Geldsorgen bietet sie ihm sogar ein Zimmer als Untermieter an und alles scheint perfekt zu laufen. Die beiden freunden sich an, ihre kleine Tochter sieht in Dumisani eine Vaterfigur. Und nach ihrer früheren Beziehung schätzt Vimbai einen Mann, der auch im Bett nichts überstürzen will, um so mehr.

Theoretisch lässt sich das Buch in kürzester Zeit durchlesen. Die Sprache ist sehr einfach geschrieben. Ich habe kurz nach Beginn ein bisschen im Internet über die Geschichte und Politik des Landes durchgelesen, aber verstehen würde man das Buch auch ohne jegliches Hintergrundwissen.
Ich habe für das Buch dagegen volle vier Wochen gebraucht. Mir war das Buch zu harmlos. Denn es geht nur um Vimbai. Die ganzen Probleme, die das Land hat, werden nur ganz beiläufig gestreift. Die Straßenkinder, die immer wieder mal spurlos verschwinden, wenn die Polizei ein Viertel gesäubert hat – da gibt es im ganzen Buch vielleicht einen, zwei Sätze. Schlimm, die armen Kinder, denkt sich Vimbai und im nächsten Moment grübelt sie wieder darüber, das sie nicht mehr die Starfriseurin ist. Richtig nervig fand ich das Buch aber in der zweiten Hälfte. Vimbai ist einfach so entsetzlich naiv, das ich nur noch mit dem Kopf schüttel konnte. Da lernt sie Dumisanis stinkreiche Familie kennen und ist ganz überrascht, das die sie mit so offenen Armen aufnimmt. Trotz unehelicher Tochter und unzureichender Bildung, von Geld ganz zu schweigen. Nein, alle lieben Vimbai und ihre Tochter. Schließlich hat sie Dumisani kuriert. Wovon kuriert, das fragt sie aber lieber nicht nach. Sie wundert sich gar nicht darüber, das sie keinen der Freunde von Dumisani kennen lernt. Und das Dumisani als guter Katholik keinen Sex vor der Ehe will, auch das überrascht sie nicht. Es gibt noch hunderte weitere Anzeichen dafür, das Dumisani ein Geheimnis vor ihr verbirgt, ein Geheimnis, das ihn das Leben kosten könnte: Er ist homosexuell, in Zimbabwe ein Straftat. Vimbai kommt dieser Gedanke nie.

Vielleicht ist man aber in einem Land wie Zimbabwe so naiv. Vielleicht liegt es an der mangelnden Bildung, denn Vimbai überlegt sogar, ob Katholiken auch Christen sind. Irgendwie geht es dort nämlich ganz anders zu als in der Freikirche, in der sie geht. Und von Homosexuellen hat sie auch nur äußerst unklare Vorstellungen – das sind doch Männer mit hoher Stimme, die Handtaschen tragen, oder?

Aber auch wenn ich das alles berücksichtige, ich fand weite Teile des Buches zu schleppend erzählt. Dafür wird das recht dramatische Ende so schnell abgehandelt, das ich nur noch staunen konnte. Schade, denn gerade davon hätte ich noch mehr gelesen. Vielleicht wäre auch anders gewesen, wenn die Geschichte aus der Sicht Dumisani erzählt worden wäre, denn ich denke, das wäre sehr viel eindringlicher geworden.

Fazit: Interessantes Thema – aus meiner Sicht aber nur mittelmäßig umgesetzt.
the hairdresser of harare

Originaltitel, 2010
Deutsche Übersetzung: Der Friseur von Harare
Genre: Roman
Bewertung: ♥ ♥ ♥
Verlag: Freight Books
Umfang: ca. 256 Seiten

6 Comments

  1. Das klingt wirklich nicht gerade prickelnd, auch wenn ich das Umfeld immer noch reizvoll und interessant finde. Aber wenn die Umsetzung nicht gelungen ist, keine Spannung aufkommt und die Hauptfigur so kurzsichtig agiert, dann macht das Lesen keinen Spaß. Gut, dass du das Buch angetestet hast! Jetzt hoffe ich nur, dass du auf deiner Weltreise noch ein paar spannendere Titel aus Afrika findest. ;D

    • Mal sehen, ich habe noch ein paar ebooks von nigerianischen Autoren parat liegen. ;) Wobei ich Nigeria auf meiner Reise schon besucht habe. Im Hammer Verlag, in dem ja auch die deutsche Übersetzung dieses Buches erschienen ist, gibt es einige interessante Titel afrikanischer Autoren. Und ansonsten bietet der Unionsverlag jede Menge „exotischer“ Autoren an.

      Schade, ich war auf das Buch ziemlich gespannt, aber manchmal hätte ich Vimbai am liebsten eine runter gehauen… wirklich schade, das es nicht aus der Sicht des Mannes geschrieben wurde. Vielleicht hat sich der Autor auch nicht getraut?

      • Hätte er es aus Sicht des Mannes geschrieben, hätte man aus der Homosexualität vermutlich kein solches Geheimnis machen können. Obwohl es ja anscheinend gar nicht so „geheim“ war und es bestimmt interessant gewesen wäre mehr über die Gedanken und Gefühle des Friseurs zu erfahren, gerade weil seine Sexualität so eine Straftat in seinem Heimatland ist.

      • Offen ausgesprochen wird die Homosexualität erst am Ende, für westliche Leser ist es aber schon lange vorher klar.
        Vielleicht hat sich der Autor auch schlicht und einfach nicht getraut. Ich habe gelesen, das er mittlerweile in Schottland lebt – keine Ahnung, ob er selber Homo oder Hetero oder was auch immer ist. Aber ich denke, das er in seinem Heimatland wohl mit größeren Probleme rechnen müsste. Und wenn ich so lese, was Präsident Mugabe so von sich gibt, puh…

  2. Pingback: Sonntagsleserin #KW7 | Wörterkatze

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