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[Rezension] Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

Im Januar 1951 ließ sich Henrietta Lacks im John Hopkins Hospital in Baltimore untersuchen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Gebärmutterhalskrebs. Zu dem Zeitpunkt war Henrietta gerade 30 Jahre alt. Sie unterzog sich der damals üblichen Therapie mit Bestrahlung und Operation und starb kurz nach ihrem 31. Geburtstag im Oktober des gleichen Jahres.DIE UNSTERBLICHKEIT DER HENRIETTA LACKS

Vor der ersten Radium Bestrahlung wurden ihr aus dem Tumor zwei kleine Gewebeproben entnommen, ohne das sie darüber aufgeklärt wurde. Ein derartiges Vorgehen war zu der Zeit völlig normal. Diese Gewebeproben wurden wie schon so viele andere zuvor zu Dr. George Gey gebracht, der bereits seit Jahren versuchte, menschliche Zellen im Labor am Leben zu halten. Bisher waren sämtliche Zellkulturen eingegangen, doch die Zellen von Henrietta Lacks wuchsen weiter. Damit begann die Zeit der HeLa-Zellen. Inzwischen sind diese auf der ganzen Welt verbreitet. Überall wurde und wird auch heute noch mit ihnen geforscht. Die Nachkommen von Henrietta Lacks erfuhren erst in den 1970er Jahren, das überall auf der Welt Zellen ihrer Mutter wuchsen.

Das Buch ist in zwei verschiedene Handlungsstränge aufgeteilt. Zum einen ist es eine Art Biografie der Familie Lacks. Zum anderen erklärt es auf einfache Art die Geschichte vom Beginn der Gewebekultur. Beides nicht in Form eines eher trockenes Sachbuches, sondern fast wie ein Roman.
Henrietta Lacks war eine einfache, ungebildete Frau, wie so viele Afroamerikaner zu der Zeit. Als Kind musste sie schon früh mitarbeiten, wurde mit 14 zum ersten Mal von ihren späteren Ehemann und Cousin schwanger. Fünf Kinder brachte sie auf die Welt, das jüngste war bei der Diagnose erst vier Monate alt. Die älteste Tochter landete später in einer Anstalt mit der Diagnose „Idiotie“. Den anderen Kindern erging es nicht viel besser. Der Vater heiratete kurze Zeit nach dem Tod seiner ersten Frau erneut und die Kinder erlebten bei ihrer Stiefmutter die Hölle auf Erden. Bildung blieb ihnen genauso verwehrt wie ihrer Mutter, sie blieben arm und wurden teilweise kriminell.

Die HeLa-Zellen dagegen gediehen prächtig. Sie wurden in alle Welt verschickt und Wissenschaftler stürzten sich auf die neuen Möglichkeiten der Forschung:

An HeLa-Zellen erprobten sie die Wirkung von Steroiden, Medikamenten zur Chemotherapie, Hormonen, Vitaminen und Umweltbelastungen; sie infizierten sie mit Tuberkuloseerregern, Salmonellen und den Bakterien, die Scheidenentzündungen hervorrufen. (Seite 150)

Gleichzeitig stellt das Buch aber auch die Frage, wem die ganzen Millionen Gewebeproben eigentlich gehören. Gehören sie noch zu den Menschen oder sind sie für die Wissenschaft einfach so verfügbar? In den ist USA letzteres der Fall. Aber irgendwie mutet es schon pervers an, wenn Firmen durch die Benutzung der HeLa-Zellen Gewinne machen und ihre Nachkommen keine Krankenversicherung haben.

Außerdem ist auch Rassismus ein wichtiges Thema in dem Buch. Denn gerade zur Zeit von Henrietta Lacks gab es einige Wissenschaftler, die aus heutiger Sicht äußerst fragwürdige Elemente an Afroamerikanern vornahmen.

Insgesamt liest sich das Buch ungeheuer spannend. Vor allem der Gegensatz zwischen dem Fortschreiten der Forschung auf der einen Seite und dem menschlichen Aspekt durch den Fokus auf die Lacks macht das Buch etwas besonderes. Am spannendsten fand ich die ethischen Fragen, die sich die Autorin in dem Buch stellt. Eine endgültige Antwort gibt sie nicht – kann sie gar nicht geben.
Leider ist das letzte Drittel des Buches nicht mehr ganz so gelungen wie die ersten zwei Drittel. Denn da verlagert sich das Thema immer mehr zu der Familie Lacks, ihren Problemen und vor allem spielt die Beziehung zwischen Rebecca Skloot und Deborah Lacks, Henriettas Tochter eine große Rolle. Zumal die Lacks auch eine recht anstrengende Familie sein können.

Fazit: Leseempfehlung für alle, die sich für Medizingeschichte interessieren.

Originaltitel: The Immortal Life of Henrietta Lacks, 2010
Genre: Sachbuch
Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥
Verlag: Irisiana
Umfang: 512 Seiten
Leseprobe
Mehr Informationen über die rechtlichen Aspekte von Gewebeproben gibt es beim Krebsinformationsdienst.

12 Comments

  1. Das klingt wirklich interessant und Gedanken-anstoßend, aber ich kann mir vorstellen, dass das Lesen auch etwas frustrierend sein kann. Zumindest geht es mir so, wenn ich mal wieder über ein kleines bisschen Medizin-Wissen gestolpert bin, das mir das Gefühl gibt, dass man als „normaler Mensch“ vielen Dingen recht machtlos ausgeliefert ist. Unabhängig davon, ob es um die „Weiterverwendung“ von Proben, die Gabe von Medikamenten oder ähnliche Dinge geht, bei denen man doch in der Regel darauf angewiesen ist, dass man richtig informiert und mit Respekt behandelt wird statt wie ein Versuchskaninchen.

    • Dieses „Ausgeliefert sein“ Gefühl habe ich nicht (dafür kenne ich doch genügend Hintergründe) und frustrierend fand ich das Buch auch kein bisschen. Aufklärung hat heute zum Glück einen ganz anderen Stellenwert – Henrietta unterschrieb einen Wisch ganz am Anfang und damit war alles erledigt, was an Aufklärung erfolgte. :(

      Ich denke, die Situation der Lacks ist schon sehr speziell. Zum einem haben sie kaum Geld, gehören der Unterschicht an und haben sie von naturwissenschaftlichen Dingen keine Ahnung. Und dann zu lesen, das da Zellen der eigenen Mutter noch am Leben sind und mit Gott weiß was für Krankheiten infiziert wurden, ins All geschickt wurden, eingefroren und wieder aufgetaut wurden… gerade die Tochter fand es ganz schlimm, was ihre Mutter noch Jahre nach dem Tod „leiden“ muss.
      Einerseits finde ich es pervers, das Firmen damit Gewinne machen. Andererseits finde ich auch den Gedanken, Gewebe zu verkaufen auch ziemlich seltsam. Wenn mir jemand Geld geben würde, damit er mit irgendwelchen Zellen meiner verstorbenen Großmutter arbeiten könnte – ich finde den Gedanken abstoßend. Und bei den Lacks fände ich eine Übernahme der Kosten für Medikamente, Operationen, etc. schon angebracht.

      • Mir fehlen da eindeutig bei vielen Dingen die Hintergründe und da mir auf der anderen Seite immer wieder Fragen einfallen, die selbst Fachärzte nicht beantworten können, oder Themen, die sie dem Patienten gegenüber nicht erwähnen, obwohl es wichtig wäre darüber zu sprechen, sind da Frust und Hilflosigkeit schon recht präsent. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich noch weniger Möglichkeiten hätte selber zu recherchieren und noch weniger Mittel hätte, um auf Information und Aufklärung zu bestehen, dann kann ich mir vorstellen wie frustrierend das für die Familie gewesen sein muss.

        Sind die Lacks eigentlich religiös? Das würde dem Ganzen ja noch eine weitere Gewichtung geben … oder ist das kein Thema in dem Buch?

        Es gibt viele Bereiche, die ich beim Thema Gewinn und Medikamente abstoßend finde (und sei es nur die Tatsache, dass manche lebensnotwendigen Produkte nicht genug Geld abwerfen und die Firmen deshalb die Produktion so weit runterfahren, dass man als Patient regelmäßig Beschaffungsprobleme hat). Aktiv Gewebe zu verkaufen, ist für mich auch eine abstoßende Möglichkeit, aber im Nachhinein zumindest in irgendeiner Weise davon zu profitieren, dass eine große Summe mit den ungefragt verwendeten Gewebeproben gemacht wurde (und sei es eben durch die Bezahlung einer Krankenversicherung oder ähnlichen), das fände ich durchaus angemessen. Das wäre für mich nichts anderes als ein „Schmerzensgeld“ für die seelischen Schäden, die der Familie dadurch entstanden sind.

      • Ich komme mir bei Behörden immer wie ausgeliefert vor – dieses Amtdeutsch schon…

        Was die Einstellung von wichtigen Medikamenten angeht, nur weil sie nicht genügend Profit abwerfen, so ist das ein Skandal. Auch die Preispolitik der Pharmafirma ist teilweise unglaublich.

        Die Lacks sind sehr religiös und das auf eine mir recht fremdartige Art. So glauben sie schließlich, das ihre Mutter auferstanden ist…

        Aktiv Gewebe zu verkaufen klingt schon komisch. Aber manchmal bekommt man beim Blutspenden ja auch eine „Aufwandsentschädigung“. In gewisser Weise ist das auch ein Verkauf, auch wenn es anders genannt wird. Beim eigenen Körper sollte jeder selbst entscheiden. Aber bei Verstorbenen?

        Ich glaube, das John Hopkins Hospital hat damals überhaupt keinen Gewinn gemacht. Die Zellen wurden wie damals so oft üblich anderen Wissenschaftlern kostenlos überlassen. Die großen Gewinne kamen erst viel später und auch durch andere Firmen. Von daher ist es auch irgendwie begreiflich, das die Klinik kein Geld zahlen wollte. Und rechtlich gesehen haben sie auch nichts verkehrt gemacht, wenn die Gesetze waren einfach anders.

        Seelischen Schmerz haben die Nachkommen aber bestimmt erlitten – es gab Wissenschaftler, die auch von ihnen Blutproben haben wollte (die Tochter dachte jahrelang, das sie auch Krebs bekommen würde), Journalisten, die neugierige Fragen stellten, einen betrügerischen Anwalt, der ihnen helfen wollte und die Familie dann selber verklagte…es ist so viel verkehrt gelaufen, von so vielen Menschen, das man sich von daher schon schwer tut mit der Bewertung des ganzen. Und die Kinder waren sich ja selber auch nicht lange einig. Die einen wollten Geld, die anderen ein Denkmal, die nächsten wiederum wollten gar nichts damit zu tun haben…

  2. Mich würde z.B interessieren, ob etwas dazu stehen, wie der Glaube der Familie bei Gewebeentnahme ausgesehen hat, obwohl ich vermute, dass lt. Angabe gegenüber der Autorin der Glaube in der jetzigen Form schon immer bestand. Natürlich wurde H. Lacks nicht vernünftig aufgeklärt, aber ich frage mich, ob es nicht bei anderen Patienten dieser Generation unabhängig vom Geschlecht, Alter, Bildung oder Rasse ähnlich gehandhabt wurde – viell. abgesehen von den „oberen Zehntausend“. Ich würde das Buch gern mal lesen.

    • Explizit steht nichts dazu, wie der Glaube bei der Entnahme war.
      Und du hast recht, die damalige Nicht-Aufklärung war Standard. Rassismus gab es natürlich und Menschen wie Lacks wurden in nur ganz wenigen Kliniken überhaupt behandelt. Und auch da gab es eigene Eingänge, Stationen, Toiletten, etc. Wenn die entnommenen Zellen einfach wie alle anderen zuvor wieder eingegangen wären, dann würde kein Hahn mehr danach krähen.

      Ich kann dir das Buch gerne leihen – oder euch beiden? ;)

  3. Mit Behördensprache komme ich zurecht, mit den Behördenregeln oft genug nicht … ;) Da gibt es – ebenso wie beim Umgang mit Ärzten – einfach zu viele Dinge, die dem widerspreche, was meiner Meinung nach „gesunder Menschenverstand“ wäre.

    Das klingt wirklich nach einer Religiosität, die für mich auch schwer nachvollziehbar ist. Kein Wunder, dass sie unter diesen Umständen davon ausgehen, dass die Mutter auch nach dem Tod noch leiden musste. Ich kann auch verstehen, dass die Klinik kein Geld bezahlen möchte, wenn sie keinen Gewinn gemacht haben, aber letztendlich habe Firmen von dem Gewebe profitiert und die könnten theoretisch schon eine „Gegenleistung“ erbringen. (Und ja, mir ist auch bewusst, dass man da wohl keinen Präzedenzfall schaffen möchte, der zu weiteren Forderungen führt … was meiner Meinung nach aber umso deutlicher zeigt, dass es einer intensiven Beschäftigung und vielleicht ein ethisch allgemein vertretbares Regelwerk für solche Situationen benötigt.)

    Interessant fände ich das Buch schon, aber ich fürchte, ich bräuchte dafür doch sehr viel Zeit (und einen etwas freieren Kopf), gerade weil das Thema so komplex ist.

    • Ich denke, die Lacks konnte sich unter Zellen einfach gar nichts vorstellen. Das ganze war für sie viel zu abstrakt und die Religion war sozusagen ein Versuch, sich das ganze zu erklären. Zeitungsberichte, wonach aneinander gereiht die Zellen dreimal um die Erde passen würden, waren bestimmt auch nicht hilfreich.

      Gerade die ethischen Fragen machen das Buch so spannend, zumindest für mich. Es ist zunächst schon leicht zu lesen, aber ich merke selber auch, es mich noch lange beschäftigen wird.
      Wenn der Kopf mal freier ist, dann kannst du dich ja melden. Aussortieren werde ich das Buch nämlich nicht. ;)

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