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[Rezension] Roberta S. Kremer (Hg.): Zerrissene Fäden

Die Zerstörung der jüdischen Modeindustrie in Deutschland und Österreich.

Wenn ich an den Nationalsozialismus denkt, dann fallen mir hunderte Dinge ein – Mode gehörte bisher nicht dazu. Andererseits erinnere ich mich noch ganz deutlich an das kleine Textilgeschäft, in dem meine Mutter früher Stoffe, Reißverschlüsse, Knöpfe u.ä. einkaufte. Geführt wurde dieses kleine Geschäft von einem sehr netten, älteren, Ehepaar. Die beiden hatten keine Kinder, weil ihnen früher ganz schlimme Dinge angetan worden sind, erklärte meine Mutter mir. Später in der Schule lernte ich schließlich, was genau damit gemeint war – sie waren Juden und hatten die Lager überlebt.
zerrissene fädenAm Anfang des Buches stand eine Ausstellung im Vancouver Holocaust Centre Society, in der historische Mode aus Deutschland und Österreich präsentiert wurde. Daraus ausgehend hat die Herausgeberin mehrere Essays unterschiedlicher Autoren zusammengestellt.

Berlin war in den 1920er Jahren neben Paris das Modezentrum in Europa. Mehrere Modeschöpfer lebten in Berlin, die Mode der Jahre war neu und aufregend anders als vor der dem ersten Weltkrieg. Es gab große Kaufhäuser, in denen man praktisch alles bekommen konnte.

„rassisch korrekte
deutsche Kleidung“

Innerhalb weniger Jahre nach der Machtergreifung durch die NSDAP änderte sich das Bild radikal. Die Kaufhäuser wurden teilweise zerstört, die Besitzer mussten den Besitz für sehr wenig Geld an arische Menschen übertragen. Die neuen Besitzer benötigten dafür keine besonderen Qualifikationen – die Mitgliedschaft in der Partei reichte aus. Ein Gespür für Mode war nicht erforderlich. Dafür konnte nun garantiert werden, das die deutsche Frau nur noch deutsche Mode trug, bei deren Herstellung Juden nicht mehr beteiligt waren. Eine Tatsache, die mit der Gründung von Schneiderwerkstätten in den Konzentrationslagern ad absurdum geführt wurde.

Die einzelnen Essays umfassen ca. 15, 20 Seiten. Von daher kann es nur einen kleinen Einblick geben und manchmal hätte ich gerne mehr gelesen. Verblüffend fand ich z.b. die Tatsache, das viele Menschen zunächst weiterhin in jüdischen Geschäften einkauften. Und sowohl Magda Goebbels als auch Emmy Göring bestanden bis 1939 auf ihren jüdischen Modeschöpfer.
Neben den Essays gibt es auch eine ausführliche Zeittafel und eine große Anzahl an Zeichnungen: Modezeichnungen, Cover von Modezeitschriften, aber natürlich auch Bilder von Geschäften und Kleidungsstücken.

Wirklich neues habe ich nicht erfahren – allerdings bin ich davon auch gar nicht ausgegangen. Der Schwerpunkt des Büchleins liegt auf der (Mode)Kultur, nicht auf Menschenleben. Wer mehr über die Schrecken der Nazizeit lesen will, da gibt es genügend andere Bücher. Aber wer sich gerne mal mit diesem Bereich der Geschichte beschäftigen möchte, für den ist das kleine Buch hochinteressant. Auch für Modemuffel. ;)

Originaltitel: Broken Threads: The Destruction of the Jewish Fashion Industry in Germany and Austria, 2007
Genre: Sachbuch
Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥
Verlag: L.S.D. im Steidl Verlag
Umfang: 198 Seiten

PS: L.S.D. steht hier übrigens nicht für bewusstseinserweiternde Substanzen, sondern für Lagerfeld. Steidl. Druckerei. Ja, Lagerfeld, der Lagerfeld, der ist hier nämlich der Programmchef. ;)

2 Comments

  1. Das finde ich wirklich spannend! Vor allem, da ich gerade bei mir feststelle, dass ich mir nie Gedanken darüber gemacht habe, welche Auswirkungen ein Krieg (eine Diktatur usw.) auf die Mode haben können (wenn man jetzt mal von China absieht). Und das Buch scheint auch mal wieder sehr klar die Doppelmoral aufzuzeigen, wenn es um die Dinge geht, die Frau (oder Mensch) als notwendig für den eigenen Lebensstandard erachtet.

    Sag einmal, wie bist du denn über den Titel gestolpert?

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