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[Rezension] Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

Irak, 1989. Mahdi hat gerade die letzte Abiturprüfung hinter sich. Zusammen mit seinem Freund Ali wollen die beiden feiern. Doch Ali kennt die falschen Leute, leiht sich das Auto bei den falschen Leuten. Ohne Prozess werden sie inhaftiert und werden gefoltert.
die orangen des präsidenten
Mahdi bleibt zwei Jahre im Gefängnis, bis zum Golfkrieg 1990/1991. Ali sieht er nur noch einmal kurz nach der Verhaftung, danach nie wieder. Er erzählt von den alltäglichen Misshandlungen, von Folter, vom Hunger. Andere Mithäftlinge sterben daran andere begehen Selbstmord. Und auch er ist einige Male nahe dran. Gleichzeitig wird aber von den Wächtern auch anerkannt, das er nur „aus Versehen“ inhaftiert wurde, aber einfach freilassen, das geht auch nicht.


Das Lachen machte mich unempfindlich gegenüber dem Schmerz, gegenüber der Angst und gegenüber der Verzweiflung.

Kapitelweise wechselt die Zeitebene. Denn Mahdi erinnert sich an seine Kindheit und Jugend, schreibt von seinen Eltern, von der Freundschaft zu einem Taubenzüchter, vom ganz normalen Alltagsleben im Irak in den 1980er Jahren. Diese Abschnitte sind einfach wunderbar poetisch geschrieben und so wirken die Kapitel im Gefängnis noch unmenschlicher. Gleichzeitig hatte ich aber so immer das Gefühl, das ich beim Lesen kurz Luft holen könnte, mich ausruhen konnte von der Brutalität.

Sehr eindrucksvoll wird auch die Zeit nach dem Gefängnis geschildert, denn der Irak hat sich massiv verändert. Es bilden sich verschiedene oppositionelle Gruppen und welche Ziele die einzelnen Gruppierungen wirklich verfolgen, das scheint erstmal egal. Für Mahdi ist der Irak fremd geworden. Er und andere suchen Hilfe bei den alliierten Soldaten, die inzwischen im Irak sind – doch die haben keine derartigen Befehle und dürfen nicht helfen.

Die Leute rannten hinterher und schrien: „Help, please!“ Doch die Soldaten zogen ab.

Teilweise wirkt das Buch wie ein Tagebuch, wie ein Bericht, den ein ehemaliger Häftling geschrieben hat. Und vielleicht ist es das auch, denn der Autor (der übrigens auf deutsch schreibt) war selber zwei Jahre inhaftiert und ich gehe davon aus, das er zumindest teilweise eigene Erlebnisse aus seiner Zeit im Gefängnis in dem Buch verarbeitet hat.
Auf jeden Fall hat mich diese Mischung aus Gefängnisalltag und Alltagsleben, gepaart mit einem unglaublich poetischen Schreibstil sehr begeistert, obwohl das Buch wirklich kein leichter Stoff ist – aber Folter kann das auch nicht sein. Und Abbas Khider gehört für mich zu den Autoren, von denen ich mehr lesen will.

Originaltitel, 2010
Genre: Gegenwartsliteratur
Umfang: 160 Seiten
Verlag: btb
Leseprobe

11 Comments

  1. Abbas Khider hat sich mit diesem Roman auch sofort in mein Leserherz geschlichen. Inzwischen durfte ich ihn sogar selbst kennenlernen. Dabei habe ich erfahren, wie viel er aus seinem eigenen Leben in seinen Romanen verarbeitet hat. „Brief in die Auberginenrepublik“ wird dir sicher auch sehr gut gefallen. Ich warte inzwischen schon gespannt auf einen neuen Roman von ihm. LG Heike

    • Den Brief habe ich schon hier liegen. ;-)

      Und ich muss gestehen, ich bin ein bißchen neidisch, das du Abbas Khider schon persönlich treffen konntest.

      • Vielen lieben Dank für das Angebot! :) Ich habe mir erst einmal die Auberginenrepublik in der Bibliothek vormerken lassen – der Titel ist zumindest vorhanden – und schau mal, ob mir der Autor zusagt.

  2. Deine Besprechung macht mich auch neugierig auf diese Titel und den Autor. Ich muss auch mal schauen gehen.

      • Ich habe das Buch bei Skoobe gefunden. Jetzt muss ich nur noch neben der Arbeit zwischen dem Herrn Wolfgang Haas, Agatha Christie und den anderen Büchern Zeit finden. :D

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