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[Rezension] Julia Korbik: Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene

Ausgesprochen cool kommt dieses neue Buch über den Feminismus daher. Pink auf dem Titel, neonorange innen, mit einem „♥ Feminism“ auf dem Buchschnitt und wendet sich explizit an junge Frauen um die 20, die gerade von der Schule kommen.
Tja, ich gehe auf die 40 zu, passe vom Alter her schon mal nicht in die Zielgruppe. Andererseits bin ich eine Frau. Und neugierig.
stand up
Rein von der Gestaltung verdient das Buch die volle Punktzahl. Es ist bunt, aber nicht zu bunt. Die Schriften passen perfekt, es ist extrem übersichtlich gehalten. Die Umsetzung als ebook hat da leider nicht ganz geklappt – das die farbigen Zeichnungen auf dem schwarz-weißen e-ink Display nicht wirken, das war ja zu erwarten. Aber das gerade die Porträts von verschiedenen Feministinnen wirkten teilweise im Text verrutscht. Aus dem Grund habe ich dann auch schließlich mein ebook zurückgegeben und doch das Taschenbuch genommen – kann ich nur empfehlen!

Aber auch vom Inhalt her fand ich das Buch sehr, sehr gut. Es beginnt mit den Basics. Was ist Feminismus überhaupt, wo liegt der Unterschied zwischen Sex und Gender? Das schlechte Image des Feminismus wird angesprochen und es gibt einen kurzen Überblick über die Geschichte des Feminismus.

Im zweiten Teil geht es dann gezielt um die Probleme – wo fehlt es noch an Gleichberechtigung? Schließlich haben wir sogar eine Frau als Kanzlerin, eigentlich ist doch alles erreicht – oder?
Aber warum ist es dann immer wieder eine Schlagzeile wert, wenn Frau Merkel wirklich mal ein tiefer ausgeschnittenes Kleid trägt? Warum wird sie als Mutti der Nation bezeichnet? Und warum dieser schauderhafte Trend zu Pink und Rosa im Kinderzimmer kleiner Mädchen? Es gibt Ü-Eier für Weltmeister und Spielerfrauen – warum? Letzten Sommer habe ich Grillwürstchen entdeckt: scharf gewürzte für Echte Kerle und fettreduzierte für Mädchen. Ehrlich, was soll der Scheiß?

Aber nicht nur darum geht es – auch das derzeitige Schönheitsideal wird hinterfragt, Prostitution und Pornos sind ebenso Thema wie die Stellung von Frauen im Kulturbetrieb. Schauspielerinnen verdienen z.B. weniger als Männer, es gibt weniger Rollen und sie sind meistens weniger bekleidet als ihre männlichen Kollegen. Hinter der Kamera gibt es noch viel weniger Jobs für Frauen. Auch in anderen Branchen sieht es nicht viel anders aus.

Aufgelockert wird das ganze durch kurze Porträts von Feministinnen und Feministen und der Rubrik „Fünf feministische Fragen“. Und in „Kurz und Knackig“ werden wichtige Themen, die vorher erklärt wurden, nochmal kurz und einprägsam zusammengefasst.

Der Schreibstil ist extrem locker und entspannt. Mir war es manchmal eine Idee zu flaspsig, zu schnodderig. Andererseits kann ich wirklich nicht sagen, dass das Buch zu trocken geschrieben wäre, obwohl die Autorin teilweise mit Zahlen und Prozenten nur so um sich wirft.
Aber es gibt nicht nur Zahlen, sondern auch Buch- und Filmtipps, dazu noch ein umfangreiches Glossar, u.a. mit verschiedenen Internetadressen zum Thema.

Ich kann das Buch wirklich nur empfehlen. Lest es!

Originaltitel, 2014
Genre: Sachbuch
Umfang: 416 Seiten
Verlag: Rogner & Bernhard
Leseprobe

9 Comments

  1. Schon Deine kurzen begeisterten Updates bei GR haben dazu geführt, dass ich das Buch lesen möchte. Der Post besiegelt die Sache, auch wenn ich deutlich außerhalb der Zielgruppe liege. ;)

    • Ach, ich war ja auch zu alt für das Buch. :-) Ich habe für mich auf jeden Fall beschlossen, in Zukunft noch öfters den Mund aufzumachen, wenn mich gewisse Dinge stören.

    • @Natira: Solltest du dir das Buch zulegen und nicht irgendwo ausleihen, dann stelle ich mich jetzt schon mal in der Leihschlange an. ;)

      • Ich würde auch meine Ausgabe zur Verfügung stellen, aber die ist gerade bei einer Freundin. ;)

      • Ich habe es gestern beim örtl. Buchhändler bestellt u. werde an Dich denken, Winterkatze. :)

  2. Habe den Beitrag schon vor einigen Tagen gelesen, aber bisher leider keine Zeit gehabt zu antworten. Auf das Buch bin ich schon aufmerksam geworden, wusste aber nicht, ob ich Zielgruppe bin. Außerdem habe ich es als nicht ganz preiswert im Kopf, weiß es aber gerade nicht genau.
    Ich lese gerade Natasha Walter, die sich zumindest ein bisschen mit einigen Themen kreuzt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich nicht sehr schnell vorwärts komme, weil es so wahr ist, was sie schreibt und es dann auch noch mit Statistiken untermalt (nicht, dass ich denen vertrauen würde, aber selbst „geschönt“ sprechen sie eine eindeutige Sprache). Die Autorin schreibt auch so, dass man meint, man sei dabei … es bedrückt mich. Das Thema an sich und dann so nahe gebracht. Dass die Frauen eine Generation zuvor (und davor) für sexuelle Freiheiten für Frauen gekämpft haben, ist lobenswert. Aber was wir jetzt daraus machen, ist bloßer Hohn für sie und ihre Arbeit. Wir liefern uns aus und merken es oft nicht einmal.
    Ob ich übrigens mit dem „neuen“ Feminismus, den der „jüngeren“ Generation so klar komme, weiß ich nicht. Ich muss zugeben, dass er mir nicht gefällt und das nicht nur, weil da meist Belanglosigkeiten beredet werden, wie das mit dem Ampfelmännchen/frauchen. Oder auch die innere Zerstückelung.

    • Natasha Walter, das ist „Living Dolls“, oder? Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, das war im Buch hier auch erwähnt. Es waren verdammt viele Bücher erwähnt. ;)
      Gerade was das jetzige Schönheitsideal angeht, das wird von der Autorin Korbik sehr kritisiert.

      Das, was du über Belanglosigkeiten schreibst, das regt mich auch auf. Manches ist einfach so belanglos, das es einfach viel wichtigere Themen gibt.

      Das finnische Buch, das du im Kommentar auf deinen Blog vorgeschlagen hast, das habe mir mal auf die Merkliste gesetzt. Ich glaub, im Moment ist es mir noch zu teuer, aber vom Thema her gefällt es mir.

      Preiswert ist es leider nicht, aber das sind Sachbücher ja oft nicht. Ich kann es dir aber gerne leihen. Meine Ausgabe ist gestern zurück gekommen und Natira hat sich ja inzwischen eine eigene Ausgabe zugelegt. ;)

      • Ja, genau dieses Buch. Bin immer noch nicht viel weiter und weiß nicht mal, ob ich es beende. Es ist gut, wirklich, aber es wird eines doch vieles bewusst und sehr deutlichg emacht.
        Das finnische Feuer habe ich verborgt, bekomme es aber wahrscheinlich am Wochenende zurück, wenn Du willst, leihe ich es Dir gerne. Nehme auch gerne Dein Angebot an, dieses Monats wird nur leidernichts mit dem Lesen, ich bin erstmal anderweitig eingspannt. Aber danach gerne!

      • Oh, das wäre schön! Ich melde mich noch in den nächsten Tagen per Mail, wegen Packstation Adresse.

        Besonders eilig ist mir aber auch nicht mit dem Buch. Ich habe im Moment einige Leihgaben hier liegen.

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