comments 11

[Rezension] Johanna Sinisalo: Finnisches Feuer

Nur einige Jahre in der Zukunft spielt dieses surreale Buch und doch ist es eine ganz andere Welt. In Finnland reagiert das Gesundheitsamt und Verbote bestimmen den Alltag. Keine Drogen, Alkohol, Nikotin oder Koffein. Natürlich gibt es auch keine Handys oder Internet. Stattdessen haben sich die Geschlechter durch gezielte Züchtungen weiter aufgeteilt. So gibt es zwei männliche Formen – die Maskos und die Minusmänner – und zwei weibliche Formen – die Eloi und die Morlocks.

Finnisches Feuer

„Wiederholung, Belohnung und Bestärkung sind Ecksteine der Auffassungsgabe von Elois. Zum Dank wird deine Frau folgsam und loyal sein.“
(S. 144)

Erwünscht sind nur die Maskos und die Eloi, wobei die Macht ganz klar bei den Maskos liegt. Die Eloi sind den Maskos untergeordnet, sie dienen dem Sexualtrieb, den die Maskos so freien lauf lassen können. Rechte haben die Eloi so gut wie keine, aber sie hinterfragen diese auch gar nicht, weil sie als unterwürfige Frauen gezüchtet wurden. Die Morlocks gelten dagegen als fortpflanzungsunfähige Neutrifrauen. Sie sind zwar intelligent, hinterfragen Dinge – doch Macht haben auch sie nicht, Bildung bleibt ihnen ebenfalls versperrt.

In dieser Gesellschaft leben die Schwestern Manna und Vanna. Ihre frühste Kindheit verbrachten sie in einer der Verfallsdemokratien (Spanien) und zu der Zeit hatten sie auch noch andere Namen, nämlich Mira und Vera. Doch ein R in der Mitte des Namens ist den Maskos vorbehalten.
Manna ist vom ersten Moment an eine echte Eloi. Folgsam, anschmiegsam, begriffsstutzig. Vanna sieht zwar wie eine Eloi aus, doch im Inneren ist eine Morlock. Doch diese haben noch weniger Rechte als Eloi und so wird sie von ihrer Großmutter als Eloi aufgezogen, immer in Gefahr, entdeckt zu werden…

Der Aufbau des Buches ist recht ungewöhnlich. Die Geschichte setzt nach dem Verschwinden von Manna ein. Vanna hat keine Chance, ihre Schwester zu finden, die offiziell als tot erklärt wurde, obwohl ihre Leiche nie gefunden wurde. Von diesem Punkt an wird die Geschichte rückwärts erzählt: Vanna schreibt Briefe an ihre verschwundene Schwester, erzählt Manna, wie sie ihre gemeinsame Kindheit und Jugend empfunden hat. Gleichzeitig schreitet aber auch die Gegenwart weiter – Vanna ist immer noch in ihrer Rolle als Eloi gefangen, muss sich diesen Beschränkungen unterwerfen. Ein Freund hilft ihr, durch ihn kommt sie auf den Geschmack des in Finnland verbotenen Chilli. Dieses hilft ihr, ihre Situation besser zu ertragen.

Teilweise ist das Buch recht surreal, gerade am Ende wirkt es ein bisschen wie im Rausch geschrieben. Unterbrochen wird dies dann durch Gesetzestexte, Lehrbücher, Polizeiberichte u.ä. aus der finnischen Diktatur.

Abschließend möchte ich mich bei Soleil bedanken, die mich auf das Buch erst aufmerksam gemacht und es mir geliehen hat. Es war keine einfach Lektüre, dazu war es zu beklemmend, es hat mich wütend gemacht – aber ich hätte das Buch auch auf gar keinen Fall vermissen wollen. Und dem letzten Satz ihrer Rezension möchte ich mich unbedingt anschließen: „Muss gelesen werden!“

Originaltitel: Auringon ydin, 2013
Genre: Gegenwartsliteratur
Umfang: 318 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
Leseprobe

11 Comments

  1. Ach, ich hab auf der Buchmesse eine Interview mit der Autorin zu diesem Buch gesehen. Das hat mich jetzt nicht so recht überzeugen können, dem Buch mal eine Chance zu geben, aber dich hat es ja wohl schon beeindruckt … Hm … Doch mal auf die Leseliste setzen …

    • Wenn ich es selber nicht geliehen hätte, dann würde ich es dir schicken. ;)

      Vielleicht irgendwann mal – vielleicht schafft deine Bücherei es an…

  2. Gern geschehen! Und freut mich, dass Du doch ein bisschen Spaß mit dem Buch hattest. Die Autorin scheint ihre Bücher immer so ähnlich aufzubauen, denn ein anderes, das ich von ihr gelesen habe, war genauso.
    Ich danke Dir auch sehr für die Leihgabe Deines Buches, ich weiß allerdings nicht, ob ich je etwas dazu schreiben werde, denn ehrlich gesagt mochte ich es überhaupt nicht. Darum bin ich Dir umso dankbarer, denn ich hätte es mir fast gekauft.

    • Spaß trifft es eher nicht, aber es hat mich sehr beeindruckt. Ich lese zwar gerne mit Spaß, aber ich lasse mich auch gerne beeindrucken. ;)

      Morgen geht das Buch übrigens wieder zurück zu dir, ich hoffe, es braucht nicht zu lange im Weihnachtstrubel. ;)

      Oh je, das tut mir leid, das du deine Zeit mit dem Buch verschwendet hast! Aber mit dem Gedanken, das ich kein Geld ausgegeben habe, tröste ich mich an der Stelle auch immer…

      • verlorenewerke

        Mir machen auch und gerade Bücher Spaß, die mich irgendwie fordern ;-) Dein Buch kommt auch noch diese Woche in die Post!
        Verschwendet nicht unbedingt, man kann es ruhig mal gelesen haben, aber man verpasst auch nichts wenn nicht. Umso dankbarer bin ich, dass ich kein Geld ausgeben musste. :)

      • Ich denke, hier sind die Morlocks und die Eloi gemeint, in „Die Zeitmaschine“ sind die Eloi wunderhübsch und leben im Paradies, bis sie von den Morlocks eingefangen und gefressen werden. Kenne ich allerdings auch nur aus dem Film ;-)

  3. Kennst du „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood? Der Roman ist thematisch ein bisschen ähnlich und könnte dir vielleicht auch gefallen. Mich hat er auf jeden Fall sehr beeindruckt und aufgewühlt, als ich ihn als Teenager gelesen habe (da steht auch mal ein ReRead an).

    • Ja das kenne ich – ist bei mir aber auch schon ewig her, bestimmt so um die 15 Jahre…

      Ja, das könnte ich auch mal wieder lesen, ich habe es sogar noch im Regal.

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s