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[Rezension] Matthew Goodman : In 72 Tagen um die Welt. Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jahrhundert ein einmaliges Wettrennen lieferten.

Im Jahre 1875 veröffentlichte Jules Verne sein wohl berühmtestes Buch, Die Reise um die Erde in 80 Tagen. Das Werk beflügelte die Gedanken der Menschen und während ein Teil der Menschen sich sicher war, das man eine Weltreise in dem Zeitraum möglich wäre, sprachen andere sich dagegen aus. Einig war man sich nur dabei, das eine solche Reise nur von einem Mann durchgeführt werden könnte. Für Frauen war dies unmöglich. Zu vielfältig die Gefahren und außerdem – das Gepäck, das eine Frau auf einer solchen Reise benötigen würde, würde sie immer wieder aufhalten.

in 72 tagen um die welt

Nellie Bly, eine junge Reporterin gehörte zu den vielen Menschen, die der Gedanke an eine solche Weltreise faszinierte. Sie schlug dies ihren Vorgesetzten John Pulitzer, dem Besitzer der New York World vor, der zunächst ablehnte. Im November 1889 überlegte er es sich anders und nach kurzer Vorbereitung begann Nellie Bly ihre erste Etappe nach England. Eine weitere Zeitung, die Cosmopolitan wurde ebenfalls darauf aufmerksam. Diese Art der Publicity war eine großartige Chance für eine Zeitung, die finanziell schwächelte und so schickten sie ebenfalls eine Reporterin los, Elizabeth Bisland. Während Nelly Bly (nur mit einer Handtasche!) in den Osten startete, schlug diese die entgegensetzte Richtung ein und fuhr sechs Stunden später mit der Eisenbahn über Chicago an die Westküste. Nelly Bly erfuhr übrigens erst nach etwa der Hälfte der Strecke, das sie eine Rivalin hatte.

Das Buch ist mehren Ebenen faszinierend. Ich fand es extrem spannend, von Menschen wie John Pulitzer zu lesen. Das es den Cosmopolitan auch schon so lange gibt, hat mich eher erstaunt (zu der Zeit war es ein Familienmagazin). Außerdem beschränkt sich der Autor nicht nur auf die Weltreise. Er erzählt auch vom Leben der beiden Frauen vor und nach der Weltreise. Natürlich wesentlich knapper, aber ich fand, es war ein schöner Einstieg und auch ein passender Abschluss. Viele weitere Themen werden kurz angerissen: Die Lebensbedingungen chinesischen Arbeiter, die die Eisenbahn in den USA bauten, Opiumhöhlen in China, der Beginn des Pauschaltourismus durch Thomas Cook und vieles, vieles mehr. Oft fand ich es schade, das ich darüber nicht noch mehr erfahren konnte, aber das hätte den Umfang des eh schon üppigen Buches vollends gesprengt.

Interessant waren auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten. Beide Frauen waren etwa im gleichen Alter, beide arm aufgewachsen und beide mussten Geld verdienen, um zu überleben. Beide waren zu dem Zeitpunkt noch unverheiratet. Doch während Nelly Bly aus dem Norden der USA stammte, aus Pennsylvania, wurde Elizabeth Bisland in Louisiana geboren und ihre vormals reiche Familie verarmte durch den Bürgerkrieg. Auch ihre Arbeit war unterschiedlich. Bisland kümmerte sich um die „Literaturecke“ der Zeitschrift, sie empfing regelmäßig Besuche von Schriftstellern. Bly dagegen konnte sich nichts schlimmeres vorstellen und sie wurde schließlich berühmt für ihre gewagten Reportagen. Undercover beschrieb sie das Leben von Frauen in einer Irrenanstalt und lebte einige Monate in Mexiko.

Matthew Goodman schreibt in seinem Nachwort, das es sich bei dem Buch um ein erzählendes Sachbuch handelt. Das ganze wirkt fast wie ein Roman, beide Frauen wirken sehr echt und lebendig. Ein bisschen fühlte ich mich an Rote Zukunft von Francis Spufford erinnert, wobei die Umsetzung hier eindeutig besser ist.

Eigentlich ist die ganze Geschichte so unglaublich, so verrückt, das es mich wundert, warum noch niemand in Hollywood auf die Idee gekommen ist, das ganze zu verfilmen…

Originaltitel: Eighty Days: Nellie Bly and Elizabeth Bisland’s History-Making Race Around the World, 2013
Genre: Sachbuch
Umfang: 720 Seiten
Verlag: btb Verlag
Leseprobe

13 Comments

  1. Ich hoffe ja immer noch, daß es das irgendwann als Taschenbuch gibt… Alternativ kaufe ich es mir wohl irgendwann gebraucht, neu ist es mir doch zu teuer.

    • Ich habe meins auch gebraucht gekauft. ;) Und sooo lange ist es ja noch gar nicht auf dem Markt; gerade bei Sachbüchern habe ich allerdings oft das Gefühl, das es bis zum TB länger dauert als bei Romanen.

  2. Auf diese Rezension war ich schon gespannt! Als ich für den Indiebookday die Internetseiten der Indie-Verlage durchforstet habe, bin ich nämlich beim AvivA-Verlag auf die Bücher von Nellie Bly gestoßen und fand die Geschichten sehr faszinierend. Die Reise um die Welt ebenso wie den Undercover-Einsatz in der Irrenanstalt. Für den Indiebookday habe ich mich dann zwar für was anderes entschieden, aber beide Bücher sind auf der Merkliste geblieben, weil ich sie irgendwann mal lesen möchte (oder gleich die gesammelten Texte von Nellie Bly, die es auf Englisch gibt). Dass sie eine Konkurrentin bei der Reise um die Welt hatte, wusste ich nicht. Spannend, dass das Projekt dann von zwei Printmedien gleichzeitig verfolgt wurde!

    • Ahhh, die Ausgaben habe ich auch gesehen! Ich bin jetzt allerdings gar nicht mehr scharf drauf, irgendwie habe ich momentan das Gefühl, das eh schon alles gesagt wurde. ;)

  3. Cat

    Das Buch habe ich auch schon länger im Auge. Nach deiner begeisterten Vorstellung ist es jetzt endgültig auf der Wunschliste gelandet.

  4. Herrje, schon wieder eine Rezension bei Dir, die Lust auf ein Buch macht. ;) Ich glaube, ich habe den Titel bei skoobe gesehen…

  5. Das klingt ja nach einem tollen Buch! Da scheint von allem etwas drinzustecken – Biografie, Reise, Lebensumstände der damaligen Zeit, Zeitungsgeschichte, …
    Über einen ähnlichen (und doch ganz anderen) Wettlauf habe ich auch mal gelesen: Scotts und Amundsens Expeditionen zum Südpol. Das war auch ein sehr spannendes Buch und beinhaltete eine recht ähnliche Mischung, war aber viel kürzer – leider zu kurz.
    Das Buch ist auf alle Fälle gleich mal auf meine Wunschliste gewandert.

    • Die Erlebnisse auf der Reise selber drehen sich meistens darum, ob die Damen den nächsten vorgesehen Zug bzw. Schiff erreichen, von daher werden irgendwelche Sehenswürdigkeiten nur gestreift. Aber anders wäre es bei einem derartigen Rekordversuch gar nicht möglich.
      Die Mischung hat mir auch sehr gefallen, eigentlich bietet das Buch für jeden Geschmack etwas. ;)

      • Ach, noch vergessen: über die Entdeckung des Südpols habe ich auch mal ein Buch gelesen und das fand es auch recht spannend. Ist allerdings schon mehrere Jahre her und den genauen Titel weiß ich auch nicht mehr.

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