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[Rezension] Szczepan Twardoch: Morphin

Warschau, 1939. Die Stadt wie auch das Land sind in einem kurzen, brutalen Feldzug besiegt worden. Deutsche Soldaten patrouillieren durch die Trümmer. Einige Kriegsgewinnler machen Geschäfte, während die Juden das schlimmste befürchten. Im Untergrund formiert sich zaghaft Widerstand.

morphin

Konstanty Willemann ist das alles egal. Vor dem Krieg war er, Sohn eines Deutschen und einer Polin, ein Lebemann, der lieber mit Dirnen herum zog als bei Frau und Kind zu sein. Im Krieg war er Leutnant der polnischen Armee. Jetzt ist er auf der Suche – nach Alkohol, Morphin, Sex, egal. Ein Freund verschafft ihm die Droge, die eigentlich dringend für verletzte Soldaten benötigt wird. Egal.

„Einsam ja, mit Morphin ist man immer einsam, aber nicht allein.“

Irgendwann schließt er sich dem polnischen Widerstand an. Er spricht perfekt deutsch, die Uniform seines Vaters ist perfekt, sogar seine Herkunft ist perfekt. So perfekt, das er selber zu zweifeln beginnt. Ist er Deutscher oder Pole? Welche Richtung will er gehen? Oder vielleicht etwas ganz anderes, sich mit Morphin allem entziehen?

Die meisten Leser scheinen von dem Buch begeistert zu sein. Oder sie trauen es sich nicht zu sagen, wenn es ihnen nicht gefällt. Ich bin auch jetzt, einige Wochen nach der Lektüre immer noch nicht sicher, was ich von dem Buch halten soll. Der Autor bedient sich einer sehr direkten, abgehakten Sprache. Viele Sätze sind kurz, fast schon im Telegrammstil:

„Anziehen. Mantel. Nicht denken. Tür abschließen. Treppe. Runter. Draußen Polizeistunde. Tageslicht – fehlt. Zu Fuß. Straßen und Plätze. Laternen – keine.“

Parallel gibt es aber auch Abschnitte, die wahre Bandwurmsätze, nur von zahlreichen Kommata unterbrochen, enthalten. Viel Aufmerksamkeit und Konzentration ist gefordert und ich muss zugeben, die fehlte mir zu der Zeit erheblich. Gleichzeitig hat das Buch auf mich aber auch einen Sog entwickelt. Immer wieder dachte ich darüber nach, es abzubrechen und doch wollte ich wissen, wie es weiterging. So ambivalent sind nur wenige Bücher (zum Glück!). Abgesehen davon ist auch die Ausdrucksweise sehr direkt, sexuell und blutig.

Drogen, Sex und Frauen. Er liebt seine Frau irgendwie, doch für die Sex unwichtig, wichtiger ist das Vaterland und ihr Vater, ein glühender Nationalist. Fast schon wirkt sie asexuell. Da ist ihm die Dirne Salome lieber, obwohl die ein liederliches Weibsbild ist. Aber er will sich schließlich im Dreck wälzen, mit ihr. Doch gleichzeitig ekelt er sich vor ihr. Nicht nur Salome scheint dreckig zu sein, ganz Polen ist dreckig, arm, düster. Erst als der Schauplatz nach Budapest wechselt, wird die Stimmung anders – heller, freundlicher, sauberer. Dort scheint Willemann sogar sowas wie Liebe zu empfinden…

Ein schönes Buch ist anders. Ein gutes Buch? Vielleicht. Aufwühlend, fesselnd? Oh ja!

Originaltitel: Morfina, 2012
Genre: Roman
Umfang: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt
Leseprobe

2 Comments

  1. So interessant es klingt, was Du zu den unterschiedlichen Satzbauten und die Ausdrucksweise schreibst, schreckt mich, ich gebe es zu, eher ab.

    • Ich kann eigentlich nur jedem raten, sich die Leseprobe vor dem Kauf durchzulesen. Vermutlich ist es auch besser, das Buch in einer Zeit zu lesen, in der man auch den Kopf sonst frei hat – daran hat es mir definitiv gefehlt.

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