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Douglas Smith: Der letzte Tanz

Der Untergang der russischen Aristokratie – so lautete der Untertitel und so ging ich davon aus, das es bei dem Buch um das Leben und Sterben der Romanows, der russischen Zarenfamilie, gehen würde. Die Romanows spielen aber nur eine kleine Nebenrolle. Denn dem Autor geht es eben nicht um die ehemaligen Herrscher, sondern um die meistens reiche und mächtige Oberschicht – dem gesamten Adel. Viele ihrer Mitglieder mochten die Zaren nicht, hielten sie für schwach, unklug, schlechte Politiker und darin hatten sie recht. Viele Adlige sympathisierten in einem gewissen Maß mit der Revolution, die aber schnell ganz andere Ausmaße annahm, als die Menschen es sich erträumen konnten.

der letzte tanz

Zwei Adelsfamilien, die Scheremetjews und die Golizyns wurden vom Autor ausgewählt und an dem Beispiel der Angehörigen dieser Familien werden die zahlreichen Verfolgungen, Folterungen, Lagerleben, aber auch kurze Tauwetter geschildert. Viele Familien zerbrachen, weil ein Teil ins Exil ging, der andere aber ausharren wollte. Interessanterweise suchten Adlige längst nicht alle im Westen ihre Rettung – manche gingen in den Süden, v.a. die Krim und der Kaukasus waren anfangs beliebt, andere versuchten sich in den Weiten Sibiriens zu verstecken und manche warteten in den chinesischen Grenzstädten auf bessere Zeiten.

Es gibt eine Auflistung der Hauptpersonen, Stammbäume, Landkarten, dazu zahlreiche Fotos der Menschen. Und trotzdem habe ich ziemlich schnell aufgegeben, nachzuvollziehen, von welcher Person gerade die Rede war. Dazu sind die Familien zu groß – alle hatte mehrere Kinder, es gibt wichtige und unwichtigere Seitenlinien, Ehepartner, dazu noch Freunde und Bekannte anderer Familien. Und natürlich gab es auf der anderen Seite die Gegenspieler, kommunistische Führer, von denen spätestens unter Stalin viele selber starben oder einfach verschwanden. An der Intensität hat das für mich nichts geändert – ob ich nun weiß, das die Frau, die gerade erneut erfahren hat, das ihre Söhne verhaftet wurden, nun die Tochter oder Schwiegertochter oder Nichte von Graf X oder Fürst Y ist, oder nicht, es macht am Ende keinen Unterschied. Es ist so oder so tragisch und bedrückend. Außerdem spielt sich das ganze auch über einen längeren Zeitraum ab – es werden auch noch Ereignisse vor der Revulotion geschildert als auch natürlich die stalinistischen Säuberungen in den 1930er Jahren und schließlich die Kriegsjahre des zweiten Weltkrieges.

Insgesamt ein großartiges, spannendes, rundum rundes Sachbuch, das in mir die Lust auf mehr Bücher über die russische Geschichte geweckt hat.

OT: Former People: The Final Days of the Russian Aristocracy

2 Comments

  1. Könntest du bitte für ein paar Monate aufhören interessante Sachbücher zu lesen?
    *aktualisiert grummelnd ihre Bibliotheksvormerkliste*

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