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Anne Tyler: Die störrische Braut

Shakespeare lebt! Zumindest, wenn es nach seinen zahlreichen Veröffentlichungen geht und den immensen Einfluss, den diese auch heute noch haben. Dieses Jahr im April war sein 400. Todestag und so erscheinen bei Hogarth Press acht Neuerzählungen von Shakespeares Dramen, von so unterschiedlichen Autoren wie Jo Nesbø, Margaret Atwood und eben auch Anne Tyler. Letztere schrieb eine Neuinterpretation von „Der widerspenstigen Zähmung“.

die störrische braut

Die Personen sind bekannt: Kate, die eigensinnige, ältere Tochter, die sich u.a. um die Erziehung der jüngeren Schwester Bunny kümmert und ihrem geistesabwesendem Vater den  Haushalt führt. Glücklich ist sie damit aber schon lange nicht mehr. Auch ihr Vater ist nicht glücklich: seine Forschungen stehen kurz vor dem Durchbruch, doch sein Assistent, der Weißrusse Pjotr, steht kurz vor der Ausweisung – sein Visum läuft bald ab. Da hat ihr Vater die in seinen Augen glänzende Idee: Kate heiratet Pjotr, der bekommt eine Greencard und seine Forschungen sind gerettet. Kate hält von der ganzen Idee gar nichts und der etwas tolpatschige Pjotr macht das ganze nicht besser.

Eine solche Story modern neu zu erzählen ist schwierig – welche Frau heiratet heute schon dem Vater zuliebe? Teilweise musste ich auch ein bisschen Schlucken, denn wie Kate sich selber sieht und auch wie sie von der Umgebung gesehen wird, war für mich teilweise schwer zu ertragen – eine Frau, die man „unter die Haube“ bringen muss, damit sie endlich versorgt ist. Teilweise ist sie daran selbst schuld, hat sie doch ihr College vor Jahren einfach hingeworfen. Ohne Abschluss kann sie eben „nur“ ihrem Vater den Haushalt führen, als ungelernte Kraft arbeiten.

Doch auch wenn die Story selber ihre Schwächen hat, der ironische Schreibstil in dem Buch hat mir sehr gut gefallen. Die Charaktere sind allesamt ziemlich überzeichnet dargestellt – die zickige kleine Schwester, die weltfremde Vater, die schrullige Tante. Und natürlich der unbeholfene Pjotr, bei dessen Versuchen einer Brautwerbung ich auch immer wieder schmunzeln musste.

Mich hat das Buch neugierig gemacht auf die anderen Bücher, die teilweise schon erschienen sind, vor allem die nächste Ausgabe von Margaret Atwood klingt verlockend…

OT: Vinegar Girl

Die Hogarth Shakespeare Reihe im Überblick

  • Jeanette Winterson erzählt „Das Wintermärchen“ neu mit „Der weite Raum der Zeit“
  • Howard Jacobson erzählt „Der Kaufmann von Venedig“ neu mit „Shylock“
  • Anne Tyler erzählt „Die Widerspenstige Zähmung“ neu mit „Die störrische Braut“
  • Margaret Atwood erzählt „Der Sturm“ neu mit „Hexensaat“ (Frühjahr 2017)
  • Jo Nesbø erzählt „Macbeth“ neu (Herbst 2017)
  • Tracy Chevalier erzählt „Othello“ neu (Frühjahr 2018)
  • Edward St. Aubyn erzählt „König Lear“ neu (Herbst 2018)
  • Gillian Flynn erzählt „Hamlet“ neu (nach Herbst 2018)

Mehr Infos zum Shakespeare-Projekt gibt es bei Herzpotential, El Tragalibros oder beim Knaus Verlag.

6 Comments

  1. Das Buch steht auch auf meiner Liste. Die ersten beiden Teile des Projekts hab ich gelesen und war nicht so richtig überzeugt, ich setze aber vor allem auf Atwood.

      • Ach schlecht war es auch gar nicht. Die Geschichte fand ich merkwürdig, aber da war Winterson ja auch an eine Vorlage gebunden. In ausführlich: https://schiefgelesen.net/2016/08/13/shakespeare-the-winters-tale-jeanette-winterson-a-gap-of-time/

        Wirklich spannend an dem Projekt finde ich, wie unterschiedlich manche Aspekte des Originals gewertet werden bzw. wie diese dann neu umgesetzt und erzählt werden. Winterson geht auf Themen ein, die mir gar nicht so wichtig waren, bei Jacobson das gleiche. Deshalb werde ich auch den Rest der Reihe auf jeden Fall noch lesen.

      • Ich glaube, ich muss „Das Wntermärchen“ vorher durchlesen, ich glaube, das habe ich noch nie gelesen.
        Anlesen möchte ich die Bücher auf jeden Fall, aber ich glaube, ich gucke mal in der Bücherei, was die vorrätig haben. ;)

  2. Ich bin kein großer Fan von „Der Sturm“, aber eine Neuinterpretation von Margaret Atwood klingt interessant!

    Die Rahmenhandlung scheint in „Die störrische Braut“ ganz gut in die Gegenwart transportiert zu sein, auch wenn Kate deutlich „schwächer“ klingt als in der Vorlage.

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