comment 0

Grigori Kanowitsch: Kaddisch für mein Schtetl

Litauen, Anfang des 20. Jahrhundert. In Jonava, in der Nähe der damaligen Hauptstadt Kaunas, leben zu der Zeit überwiegend Juden – ein Schtetl. Dort wurde 1929 Grigori Kanowitsch geboren und sein autobiografischer Roman handelt von dem Leben dort. Vor allem aber erzählt er die Geschichte seiner Eltern.

kaddisch

Die Menschen im Schtetl sind überwiegend kleine Handwerker, die meisten bitterarm. Sein Vater Schlojmke arbeitet als Schneider, seine Mutter Chanke hat verschiedene Arbeiten, meistens als Haushälterin. Eine sehr prägende Figur ist die Großmutter Roche-Samurai – niemand im Schtetl weiß so richtig, was ein Samurai ist, aber sie kann wirklich furchterregend sein und fast alle kuschen vor ihr. Trotzdem kann sie nicht verhindern, das ihr liebster Sohn eine unpassende Frau heiratet, noch die Auswanderung einiger ihrer Kinder in den Westen. Eine Tatsache, über die sie immer und immer wieder laut klagt.

Der Text wirkt über lange Strecken wie ein Familienroman mit allen Höhen und Tiefen, die es Familien so gibt. Es gibt Todesfälle und Geburten, Menschen suchen nach der passenden Arbeit, ziehen ihre Kinder groß. Gleichzeitig werden aber auch jüdische Traditionen beschrieben, der Zusammenhalt und auch die Streitigkeiten untereinander. Politik bleibt im Hintergrund, sie ist für die meisten Menschen nicht wichtig – Stalin misstrauen sie, Hitler noch viel mehr. Aber Hitler ist weit weg und Judenverfolgungen gab es schon immer – irgendwie sind alle daran gewöhnt und akzeptieren das als eine unumstößliche Tatsache. Mit dem heutigen Wissen liest sich das einfach nur schrecklich tragisch und ab und zu gibt meldet sich der Autor und klagt über den Verlauf der Geschichte. Dabei ist es nicht so, das in dem Buch grausame Folterungen, Hinrichtungen etc. beschrieben werden, aber alleine schon aus der Tatsache, das wir wissen, was den Menschen zustoßen wird, ergibt sich Gänsehaut.

„Ich bin kein jüdischer Schriftsteller,
weil ich russisch schreibe,
kein russischer Schriftsteller,
weil ich über Juden schreibe,
und kein litauischer Schriftsteller,
weil ich nicht auf Litauisch schreibe.“

Dem Roman schließt sich ein ausführliches Nachwort von Brigitte von Kann an, in dem nochmal auf die jüdische Geschichte speziell in Litauen eingegangen wird und insbesondere der Holocaust, der die Juden in Litauen fast vollständig auslöschte. Eine Aufarbeitung gab es danach nicht, die offizielle Linie der Sowjetunion machte das unmöglich. Langsam ändert sich das, aber die Tatsache, das viele Litauer mit den Deutschen zusammen arbeiteten und sich so aktiv am Holocaust beteiligten, wird nicht von allen gerne gehört.

Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s