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Alice Hoffman: Wo Bleiben Vögel im Regen

Das vorletzte (deutsche) Buch von Alice Hoffman auf meinem SuB ist eine Ausgabe mit zwei dünneren, älteren Romanen, erstmals erschienen die Bücher in den 1980er Jahren. Eigentlich hatte ich vor, beide Romane hier zu rezensieren, aber da ich über das erste Buch schon so viel geschrieben habe und keine Ahnung habe, wann ich den zweiten lese, belasse ich dabei – und vielleicht wird es dann nochmal eine Rezension zu „Die Nacht der Tausend Lichter“ geben.

hoffman

In „Wo bleiben Vögel im Regen“ geht es um eine ganz normale Familie in Neuengland. Die klassische Vater, Mutter, Tochter, Sohn Variante. Es gibt die üblichen Streitigkeiten, die erste Liebe zwischen den Eltern ist weg, die Kinder werden langsam größer – bald wird die Tochter in die Pubertät kommen. Es ist Sommer, August, die Kinder haben Ferien. Charlie, der Sohn, beobachtet Morcheln, die Tochter Amanda ist die beste Turnerin in der Schule und hofft insgeheim auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen. Doch in diesem Sommer ist sie krank – immer wieder hat sie Fieber, hat abgenommen, Schmerzen. Zuerst denken die Eltern an simple Erkältungen, doch irgendwann reicht das nicht mehr und sie erhalten die schockierende Diagnose: Aids. Übertragen durch eine Bluttransfusion einige Jahre zuvor. Es gibt kein Heilmittel, nichts kann die Krankheit jetzt noch verzögern, nur die Beschwerden können gelindert werden. Als wenn das nicht schlimm genug ist – die Einwohner der Kleinstadt sind entsetzt und panisch. Charlies Freund darf nicht mehr mit ihm spielen. Amanda will unbedingt weiter zu Schule gehen, doch die anderen Eltern haben Angst, verlangen, das sie ausgeschlossen wird. Trotz den ganzen Aufklärung, die Kinderarzt und Schule betreiben.

1988, als das Buch erschien, war ich 13 Jahre alt und ich erinnere mich noch gut an die Panik, die die Leute damals hatten. Es gab viel Aufklärung und trotzdem hatten die Menschen Angst. Manche behaupteten noch, das nur Schwule „sowas“ kriegen würden, andere dagegen hielten es nur für eine Frage der Zeit, bis die Menschheit davon ausgerottet wurden. Und dann gab es Menschen – gerade auf dem Land – die es für unwahrscheinlich hielten, das sich gerade bei ihnen im Dorf jemand damit anstecken würde. Meine Eltern hatten jedenfalls sehr viel mehr Angst davor, das ihre minderjährige Tochter schwanger werden könnte, als sich HIV einzufangen.

Das Buch unterscheidet sich insofern von anderen Büchern der Autorin, weil hier der magische Realismus fehlt. Eigentlich ist es das Element, das mir immer so besonders gut an den Büchern gefällt, aber hier bin ich ganz froh gewesen, das dem nicht so war. Es hätte einfach nicht gepasst. Stattdessen gibt es aber ein sehr eindringliches Buch über Menschen in einer Ausnahmesituation. Erzählt wird es dabei aus Sicht der verschiedenen Personen. Die Geschichte wird dabei nicht nur von der Familie selber erzählt, sondern auch der behandelnde Kinderarzt, die Schuldirektorin, Freunde und andere Verwandte kommen zum Zug. Natürlich ist die Geschichte sehr traurig, aber es wird nicht ständig permanent auf die Tränendrüse gedrückt, sondern es passiert einfach so. Gleichzeitig gibt es zwischendurch auch schöne Momente, wenn Menschen wieder miteinander reden können, ihre Sprachlosigkeit überwinden.

Definitiv eine Leseempfehlung!

OT: At Risk

3 Comments

  1. Das klingt sehr spannend, aber ich weiß nicht, ob ich so schnell zu dem Buch greifen würde. Selbst wenn du schreibst, dass die Geschichte gut erzählt wird, so ist es doch ein Thema, das an die Nieren geht.

    Ich habe Mittwoch einen Artikel gelesen über eine Amerikanerin, die sich damals als eine der ersten um die Erkrankten gekümmert hat, weil diese von ihrer Familie in der Regel verstoßen und selbst in den Krankenhäusern nur ungern behandelt wurden. Am Ende erzählt die Frau davon, dass sie vor nicht allzu langer Zeit drei Pflegekinder aufgenommen hat, weil diese aufgrund ihrer Aids-Erkrankung vom Schulbesuch ausgeschlossen wurden. Dabei sollten sich doch die Zeiten eigentlich geändert haben …

    • Ich habe ja vor einiger Zeit auf Flohmärkten wahllos alles gekauft, was Alice Hoffman geschrieben hatte – ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Buch hier wirklich gekauft hätte. Eigentlich mag ich keine Bücher, in denen es um Krankheiten geht. Aber hier war es realistisch geschildert und trotzdem nicht so auf Tränendrüse drückend.

      Ich hätte auch gedacht, das die Zeiten heute andere sind. Aber ich weiß noch, wie schnell Krankenhauspersonal panisch werden konnte – und einige, wenige Leute werden es heute noch.

      Hast du mal eine Dokumentation über Rock Hudson gesehen? Der war meines Wissens der erste Hollywood Star, der an Aids starb und die Ereignisse waren einfach nur beschämend.

      • Ja, die Dokumentation habe ich vor einigen Jahre gesehen. Hatte ich ganz vergessen, bis du mich daran erinnert hattest. Das war auch heftig. Vor allem wie in Frankreich mit ihm umgegangen wurde …

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