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Chigozie Obioma: Der dunkle Fluss

Nach Chimamanda Ngozi Adichie und Nnedi Okorafor ist Chigozie Obioma der dritte Autor aus Nigeria, den ich „kennen lernen“ durfte. Wobei er wie die beiden anderen in den USA lebt bzw. pendelt. Bei „Der dunkle Fluss“ handelt es sich um sein Debüt und mich hat es schon jetzt sehr neugierig auf sein weiteres Werk gemacht.

Erzählt wird die Geschichte von vier Brüdern: Ikenna, Boja, Obembe und Ben. Letzterer erzählt die Ereignisse aus seiner Sicht – damals etwa zehn Jahre alt. Sie wachsen gemeinsam mit ihren Eltern und zwei weiteren Geschwistern, die aber noch Kleinkinder sind, auf. Reich sind die Eltern nicht, aber sie schaffen es. Disziplin spielt eine große Rolle in der Vater – der Vater ist streng, bei Problemen wird durchaus auch die Prügelstrafe eingesetzt, aber trotzdem war für mich immer spürbar, das die Eltern ihre Kinder lieben. Sie wollen, das die Kinder später studieren, ein Leben nach westlichem Vorbild führen. Als der Vater von seinem Arbeitgeber versetzt wird und nur noch alle zwei Wochen nach Hause kommen kann, gerät das Konstrukt der Familie ins Wanken. Die Brüder treiben sich trotz Verbot am Omi-Ala Fluss herum – sie angeln, suchen Kaulquappen. Eigentlich harmlose Vergnügungen, aber der Fluss ist gefährlich. Eines Tages treffen sie dort Abulu – der lokale Irre, der von den Mitmenschen einerseits bemitleidet wird, aber auch gefürchtet, denn seine Prophezeiungen haben die unheimliche Gabe, das sie zutreffen. Diesmal trifft es Ikenna, dem er vorhersagt, das er bald ermordet werde.

Gewalt ist ein großes Thema in dem Buch. So wie die Kinder von ihrem Vater geschlagen werden, so rächen sie sich auch mit Gewalt an einer Nachbarin. Gewalt ist auch im ganzen Land selber spürbar: Yola, die Stadt, in der der Vater jetzt arbeitet ist unsicher, dort kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. In einer Rückschau wird die Präsidentschaftswahl von 1993 geschildert und die Unruhen, die im Nachhinein auftraten. Die Gewalt beginnt langsam, wird im Verlauf des Romanes dann immer stärker.

„Hass ist ein Blutegel. Das Ding, das sich an der Haut festsaugt, sich von den Menschen ernährt und ihnen die Lebenskraft raubt.“

Pos. 2780-2781

 

In Nigeria gibt es viele verschiedene Religionen und Sprachen. So sprechen die Brüder untereinander Yoruba, die Eltern bevorzugen Ibo und als Amtssprache fungiert Englisch. Dazu kommen zahlreiche Religionen und Aberglauben. Ein großes Potential für Konflikte. Die Brüder werden zwar christlich erzogen, doch die alten Religionen und Bräuche sind im Hintergrund immer noch deutlich vorhanden. So glaubt denn auch Ikenna nicht mehr an das Rationale – warum sollte das, was ein offensichtlich psychisch kranker Mann erzählt, überhaupt zutreffen? Stattdessen ist Ikenna zutiefst davon überzeugt, das dies eine echte Prophezeiung ist, die auf jeden Fall zutreffen wird. Und als zukünftiges Mordopfer hat er das Gefühl, das er nichts mehr verlieren kann, denn er wird ja sowieso bald sterben – und ändert sein bisher tadelloses Verhalten auf schreckliche Weise. Eine selbsterfüllende Prophezeiung wie aus einem Lehrbuch.

OT: The Fishermen

6 Comments

  1. Julia | Literameer

    Über dieses Buch bin ich kürzlich auch gestolpert und war mir nicht so ganz sicher, was ich von der Inhaltsbeschreibung halten soll. Jetzt werde ich es mir aber doch mal merken, denn was du darüber schreibst, klingt interessant.

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