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Armin Öhri: Liechtenstein – Roman einer Nation

Ein Roman, der in Liechtenstein spielt? Sich sogar „Roman einer Nation“ schimpft? Das kann entweder nur ein echter Griff ins Klo werden – oder ein besonders reizvolles Lesevergnügen. Zum Glück gefielen mir schon die ersten Seiten und so habe ich mir das Buch gekauft. Erzählt werden drei verschiedene Handlungsstränge, teilweise fiktiv, teilweise realistisch und auch die Charaktere sind teilweise realistisch.

Armin Öhri hat bereits mehrere historische Krimis geschrieben, als er den Auftrag erhält, eine Biografie über Wilhelm Anton Risch (=WAR) zu schreiben – eine sehr bekannte, sehr reiche Persönlichkeit in Liechtenstein, ein Treuhänder. Armin Öhri sagt nach kurzer Überlegung zu und bekommt Zugang zu teilweise geheimen Dokumenten. So wird zum einen die Arbeit an dem Buch, die Recherchen dazu geschildert, aber auch die Schwierigkeiten, die sich bald ergeben – denn die weiße Weste von WAR bekommt schnell Flecken, was vor allem dessen Sohn nicht gefällt. Andererseits wird über die Lebensgeschichte auch die Geschichte Liechtensteins erzählt: wie WAR beim Rheinhochwasser im September 1927 zur Waise wurde, die liechtensteinischen Nationalsozialisten und deren große Gegenbewegung, der Aufstieg zur Steueroase, aber auch von den Schwierigkeiten, die zum Beispiel die Einführung des Frauenwahlrechtes machte.

Die dritte Handlung ist die Krankheitsgeschichte des Autor – als Jugendlicher bekam er eine Hirnblutung mit retrogarder Amnesie, alles, was vorher geschehen ist, ist aus seiner Erinnerung gelöscht. Und auch jetzt muss der Autor so manches Mal seine Arbeit an dem Buch unterbrechen und sich erneut ins Spital begeben (bei Aufzählung der Medikamente ist mir etwas seltsames aufgefallen, aber vielleicht sind die Medikationen in der Schweiz bzw. Liechtenstein auch anders).

Diese drei Ebenen vermischen sich immer wieder. Zeitlich springt man in dem Buch ziemlich oft hin und her, aber da jedes Kapitel mit einer Zeitangabe versehen ist, ist es nicht schwer, den Überblick zu behalten. Im Nachhinein könnte ich gar nicht mehr sagen, welcher Teil besser war. Die Geschichte von WAR ist unglaublich faszinierend und sehr packend geschrieben. Auch nimmt sie den größten Raum ein. Aber gerade dieser Kniff mit den Unterbrechungen, in denen der Autor von seinem persönlichen Leben und der Arbeit erzählt, hat dem Buch etwas besonderes verliehen. Zumal ich es auch sehr interessant fand, etwas aus der Gegenwart Liechtensteins zu erfahren und wie es sich anfühlt, in einer „Steueroase“ zu leben, wenn doch die meisten Einwohner schlicht und einfach nichts damit zu tun haben. Faszinierend fand ich auch die Fotos, die in dem Buch abgebildet sind, die teilweise historische Begebenheiten darstellen, teilweise aber auch hier vermischt mit der Kindheit des Autors. Was wirklich real ist, was pure Fiktion, ist so noch schwieriger auseinanderzuhalten, was aber auch den großen Reiz des Buches ausmacht.

Ich war noch nie in Liechtenstein, kenne mich wie viele wohl in der Geschichte und Politik des Staates höchst unzureichend aus. Vermutlich würde ich das Buch mit entsprechendem Wissen anders interpretieren, aber so war es für mich ein wunderbare Lesespaß.

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