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Ulrike Moser: Schwindsucht. Eine andere deutsche Gesellschaftsgeschichte

Eine Krankheit, viele Namen: Schwindsucht. Motten. Weiße Pest. Morbus Koch. Tuberkulose. Die meisten Namen sind heute nicht mehr gebräuchlich, aber den letzteren sollte jeder kennen. Aber wer hat heute jemanden im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis, der Tuberkulose leidet? Wohl die wenigsten. Die TBC ist inzwischen eine Krankheit, die gefühlt selten vorkommt. Zumindest in Deutschland, weltweit sieht das anders aus.

Vor 100, 200 Jahren sah das anders aus. Damals war die Tuberkulose DIE Krankheit schlechthin.

In dem Buch geht es weniger um die Krankheit als solches, vielmehr um den Umgang damit. Und der ist wirklich bemerkenswert, denn zumindest in der Romantik wurde die Krankheit sehr verklärt. Reihenweise siechten die Heldinnen diverser Romane („Effie Briest“, „Anna Karenina“, „Die Kameliendame“) zum Sterben schön dahin. Für die armen Menschen, die ganz und gar nicht romantisch an der Krankheit starben, interessierte sich niemand.

Dann kam die Industrialisierung und die Krankheit erlebte einen Wandel. Jetzt war es nicht mehr die romantische Erkrankung, sondern eine Krankheit des Proletariats. Des unsauberen Proletariats. Man versuchte sich an der Umerziehung, die Arbeiterfrauen sollten saubere Wohnungen pflegen – schwer, wenn 10, 15 Menschen sich ein Zimmer teilen. Ansteckung war da nur eine Frage der Zeit. Es begann die Zeit der Heilstätten – manche für Reiche wie Davos, manche für Arme, die dahin geschickt wurden, um anschließend wieder produktiv zu arbeiten. Viel genutzt hat es nicht.

Am erschütterndsten war jedoch der Umgang im Nationalsozialismus mit den Tuberkulosekranken. Systematisch ausgegrenzt  wurden an ihnen Menschenversuche gemacht, wurden sie durch „Arbeitsprogramme“ bei gleichzeitiger fehlender Nahrung umgebracht – wenn sie nicht schon vorher starben. Die Heilstätten, die es bereits früher gab, wandelten sich jetzt in Foltereinrichtungen.

Heute ist die Tuberkulose behandelbar. Aber es ist eine langwierige Therapie, die Medikamente haben Nebenwirkungen, teilweise gibt es erste Bakterienstämme, die Resistenzen aufweisen. In den afrikanischen Gegenden, die eine hohe AIDS Rate haben fühlt sich auch die TBC sehr wohl.

Leseempfehlung an alle, die sich für Sozialmedizin interessieren!

4 Comments

  1. Konstanze

    Beim Lesen deiner Rezension fällt mir gerade auf, dass früher bei Krankenhausaufenthalten immer TB-Tests gemacht wurden (auf die ich immer positiv reagierte ohne TB zu haben) und dass das bei meinem letzten KH-Aufenthalt nicht der Fall war. Nun frage ich mich, ob Tuberkulose in Deutschland so selten geworden ist, dass man auf die allgemeinen Tests inzwischen verzichtet oder gibt es einfach neuere Tests, die ich damit nicht in Verbindung gebracht habe.

    Die Romantisierung von „Schwindsucht“ (schon lustig, dass das immer von Schwindsucht die Rede ist, wenn das so dargestellt wird) ist mir nicht nur in historischen Texten aufgefallen, sondern immer wieder bei älteren japanischen Geschichten, die zu Beginn des 20. Jahrunderts spielen.

    Von dem Umgang während der Nazi-Zeit mit dieser Krankheit hatte ich noch nicht gehört, aber überraschend ist dieser bedauerlicherweise nicht. Erschreckend, welchen unmenschlichen Umgang man in dieser Zeit kultivierte (und wie viel davon bis heute durch die Gesellschaft schwappt).

    • Standardmässige Tests auf TBC kenne ich gar nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, das die sinnvoll sind – die Tuberkulin Tests (das sind die Hauttests, die bei dir vermutlich gemacht wurden) sind nicht sonderlich aussagekräftig, Röntgen wird man wegen der Strahlenbelastung nicht bei jedem machen und die Labortests sind zu teuer und dauern zu lange.
      Und die Tuberkulose ist auch einfach nicht mehr so häufig, für 2017 spricht das Robert Koch Institut von 5.486 Tuberkulosen.
      Ich denke mal, in Lungenabteilungen wird man vielleicht ein Röntgen der Lunge machen (nicht nur wegen TBC), wenn es dann was auffälliges gibt, kann man ja weitersuchen.

      • Konstanze

        Ja, das waren früher Hauttests, die gemacht wurden. Mir fiel einfach nur gerade ein, dass das in den 70ern und 80ern wirklich üblich war …

      • Ich glaube, Anfang der 90er auch noch. Ich kann mich dunkel erinnern, das ich bei der ersten Untersuchungen bei der Betriebsmedizin auch immer den Hauttest bekam.

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