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Kate Penrose: Nachts schweigt das Meer

Nach zehn Jahren als verdeckter Ermittler bei der Mordkommission in London und einem tragischem Zwischenfall bei der Arbeit braucht Ben Kitto eine Pause. Die will er auf der kleinen Insel verbringen, wo er aufgewachsen ist und im Betrieb seines Onkels arbeiten. Schon bei seiner Ankunft sind die Inselbewohner angespannt, ein junges Mädchen wird vermisst. Nach dem Fund der Leiche ist Ben sicher, das sie ermordet wurde. Der örtliche Polizeichef ist sich da zunächst nicht so sicher, nimmt dann aber doch die Hilfe von Ben an – mit Morden hat die örtliche Polizei nicht viel Erfahrung.

Schauplatz des Krimi sind die Scilly Inseln – eine Inselgruppe vor der Küste von Cornwall. Und hier ist es nicht die Hauptinsel, sondern Bryher – eine winzige Insel, auf der nicht mal 100 Menschen leben. Dabei ist es nicht das touristische Bryher im Sommer, das hier geschildert wird, sondern ein stürmisches, unbarmherziges Bryher. Mit häufigen Stromausfällen, mit Wind, Regen und Nebel. Mit Bewohnern, die einerseits zusammen halten, andererseits scheint aber auch jeder über jeden alles zu wissen. Und mit Bewohnern, die sich größtenteils mit mehreren Jobs über Wasser halten müssen. Immobilienspekulationen und Drogenhandel gibt es auch hier, auf der so scheinbar heilen Inselwelt.

Bryher selbst bildet den komplexesten Charakter. Ermittlungen auf einer Insel sind schwierig und einfach zugleich. Forensische Proben müssen aufs Festland geschickt werden, es dauert alles etwas länger. Die Fähre ist ein fester Bestandteil der Insel, die Kinder fahren jeden Tag auf die Nachbarinsel, um dort zur Schule zu gehen. Die menschlichen Figuren sind nicht wirklich außergewöhnlich: der ermittelnde Kommissar, der nach einer Tragödie von Zweifeln geplagt wird, sein junger, unerfahrener Assistent, die gutherzige Patentante, der schweigsame Onkel. Neben den alten Bekannten und Freunden gibt es natürlich auch Außenseiter auf der Insel: ein exzentrischer Maler, eine Kräuterfrau, die insgeheim als Hexe gilt. Ob es irgendwo im Universum eine Strichliste für die Figuren solcher Krimis gibt?

Auch wenn es einige Schwächen hat, insgesamt gefiel mir das Buch gut (ich habe gerade Band 3 beendet – sagt doch alles, oder), wobei die Kulisse sehr dazu beigetragen hat. Bisher sind drei Bände erschienen bzw. geplant. Ein Rätsel ist mir allerdings, warum die Autorin für die deutschen Ausgaben einen neuen Namen verpasst bekommen hat – beim Original heißt es noch Kate Rhodes. Keine Ahnung, warum man dies geändert hat?

OT: Hell Bay
Serie: DI Ben Kitto #1

PS: Die Skulptur mit der Strandszene habe ich übrigens von TreibholzKunstwerke.

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Best of Books 2019

Ich mag keine Statistiken, aber so ganz ohne einen klitzekleinen Rückblick wollte ich auch nicht in das neue Jahr schreiten. Also dann – kurz und knapp, hier meine ganz persönliche Top 5 unter den gelesenen Bücher.

  • Ulrike Moser: Schwindsucht. Eine andere deutsche Gesellschaftsgeschichte.
    Ein Buch über TBC – ernsthaft? Ja. Kein medizinisches Buch, sondern ein Buch über die gesellschaftlichen Auswirkungen und wie sich diese von der „romantischen“ Krankheit zu einem Stigma wandelte.
  • Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!
    Bisher war Chemie für mich ein Buch  mit sieben Siegeln, aber das Buch habe ich sehr gerne gelesen. Und ein eher trockenes Thema so aufbereiten, das es Spaß macht zu lesen, das schafft auch nicht jede.
  • Ricarda Huch: Der letzter Sommer
    Vermutlich die große Unbekannte unter den 5 Büchern hier – ein Klassiker, ein Briefroman. Aber was für einer! Großartig, wie sich die unbeschwerte Stimmung in dem Buch langsam immer düsterer wurde.
  • Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
    Ein Mädchen wird tot aufgefunden – warum ist es gestorben? Was war der Auslöser? Kein Krimi, aber eine sehr eindringliche Familiengeschichte.
  • Erica Fatland: Die Grenze
    Russland, ein riesiges Land mit vielen Nachbarn – und alle haben ihre eigene Sicht auf Russland. Erica Fatland erzählt von einer Reise um Russland herum und das auch noch sehr fesselnd.
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Frohes Fest!

Ich habe meine Krippe aufgebaut, das Dessert kühlt gerade ab und generell werde ich den heutigen Tag wie die nächsten verbringen: Mit viel Ruhe, leckerem Essen, lieben Menschen und natürlich mit Büchern. Noch habe ich nicht begonnen, aber „Herkunft“ wird mich am Nachmittag zusammen mit einer leckeren Tasse Tee begleiten.

Schöne Feiertage!

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Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter

Alina Bronsky hat ein Händchen für tragikomische Gestalten und so ist es auch in diesem Buch. Erzählt wird von einer ungewöhnlichen Familie: Die Großmutter mit ihrem langem Zopf, der Großvater, schweigsam und ihr Enkel Max, der seine Eltern nie kennen gelernt hat.

Als jüdische Kontingentsflüchtlinge sind sie aus der Sowjetunion nach Deutschland geflohen und hier zieht die Großmutter ihren Enkel mit ungewöhnlichen Methoden auf. Sie fürchtet sich vor allen möglichen Dingen: schlechtem Essen, schlechten Menschen, Bakterien sowieso. Nur Nina und ihre Tochter, ebenfalls Flüchtlinge, die schließt sie in ihr raues Herz. Dummerweise merkt sie nicht, das ihr Mann sich in Nina verliebt.

Eigentlich hat das Buch alles, was ich mag. Die Geschichte ist schräg, komisch, aber auch fatal. Als Erzähler fungiert der Enkel Max und nur aus seiner Sicht wird vom Leben in dieser seltsamen Patchworkfamilie berichtet. Es gibt unerwartete Wendungen, die ich teilweise sehr überraschend fand. Trotzdem fand ich die Umsetzung leider nicht sonderlich fesselnd und gerade zum Ende hin auch schleppend erzählt. Die Charaktere bleiben leider blass und eindimensional, ihre Handlungen sind damit auch nicht nachvollziehbar und haben mich mehr als einmal fragend zurück gelassen. Gerade zum Schluss hin wird das deutlich – ich habe keine Ahnung, warum Max sich so entschied und nicht anders. Und auch die Sache mit dem Zopf habe ich nicht verstanden. Schade.

Trotzdem bleibt Alina Bronsky in meinem Kopf als eine Autorin, deren Bücher ich (meistens) sehr gerne lese.

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Ferdinand von Schirach: Carl Tohrberg. Drei Stories

Als vor Jahren das erste Buch von Schirach erschien, war ich begeistert – aber irgendwann hatte ich mich satt gelesen. Nach längerer Abstinenz habe ich nun wieder spontan zu einem Buch von ihm gegriffen und ja, es hat sich definitiv gelohnt.

Es sind drei kurze Geschichten. Da ist der Bäcker, der nach einem Mord und verbüßter Haft wieder in der Backstube steht und die beste Tarte seines Lebens bäckt. Da ist der pensionierte Richter Seybold, der sein Leben lang immer sehr korrekt war und plötzlich auf der anderen Seite steht. Und da ist der Namens gebende Carl Thorberg, der wie aus heiterem Himmel einen Mord begeht. Alle drei Stories sind gut – ich mochte Seybold am liebsten, allerdings ist das auch die Geschichte, die am wenigsten überraschend ist. Beim Bäcker hingegen wirkt alles harmlos, aber dann gibt es einen Satz, der einem Blut in den Adern gefrieren lässt. Und Carl Thorberg – hier ist es verwunderlich, das es so lange dauerte, bis er zum Mörder wurde.

Neben der klaren, schnörkellosen Sprache, die die Bücher von Schirach seit jeher auszeichnet, gibt es noch ein Element, das die drei Stories hier verbindet: die Zeit. Genauer gesagt, die Weihnachtszeit, denn alle drei spiele kurz vor Weihnachten. Besinnlich sind aber – zum Glück – nicht.

Inhaltlich sind ist die Ausgabe also zu empfehlen. Ob man diese drei Geschichten aber wirklich in einem einzelnem Band herausbringen musste? Bei der ebook Ausgabe hat es auf jeden Fall einen schalen Nachgeschmack, den nach 50% hat man die Geschichten zu Ende gelesen und es folgt Werbung für weitere Bücher des Autors. Andererseits ist in der Werbung noch eine weitere, komplette Kurzgeschichte enthalten („Die Schöffin“, die erste Geschichte aus „Strafe“). Keine Ahnung, ob das auch im Taschenbuch der Fall ist…

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Erika Fatland: Die Grenze

Es gibt selten Bücher, die ich noch vor dem Erscheinen auf meine Wunschliste setze. Sehr selten. „Die Grenze“ war eines davon. Das Erika Fatland interessant schreiben kann, das wusste ich schließlich schon. Und die Idee des Buch, die Beschreibung einer Reise um Russland herum – großartig. Und ich kann schon sagen, die Umsetzung ist extrem gelungen!

Die Reise geht durch vierzehn Staaten, autonome Gebiete wie Bergkarabach nicht mit gerechnet. Und bis auf Norwegen waren alle diese Staaten in der Vergangenheit in Kriege mit Russland verwickelt, waren besetzt bzw. Bruderstaaten. Und die Grenze ist in Bewegung – auch heute noch, wie wir in der Ukraine sehen.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt: Das Meer, Asien, Kaukasus und Europa. Wobei es sich beim ersten Teil um die Beschreibung der Nordostpassage handelt und dieser Abschnitt wesentlich weniger abenteuerlich ist als der Rest der Reise.

Es sind einzelne Geschichten und Begegnungen, die sie schildert. Darunter das Paar, dessen Haus über Nacht plötzlich in einem anderem Staat steht, die alte jüdische Frau, die das Ghetto in Minsk und die Stalinzeit überlebt hat, den Obertonsänger in der Mongolei, überquert das Schwarze und das Kaukasische Meer. Manchmal scheitert sie auch mit ihren Vorhaben – den russischen Weltraumbahnhof Baikonur, der sich inzwischen in Kasachstan befindet, sieht sie trotz aller Bemühungen nicht. Neben den Begegnungen vor Ort erzählt sie aber auch die Geschichte der Orte. Viele spannende Dinge, die mir zum größten Teil vorher unbekannt waren, obwohl ich mich generell für russische Geschichte interessiere. Und obwohl sie während der Reise kaum einen Fuß auf russischen Boden setzt, ist Russland immer präsent, immer im Hinterkopf. Mit dem Blick von außen erzählt sie auch eine Geschichte Russlands und vor allem von den Auswirkungen der russischen Politik auf die Menschen hatte und hat.

Insgesamt fand ich das Buch nachdenklicher als „Sowjetistan“ es war. Immer wieder reflektiert sie frühere Besuche in den entsprechenden Regionen, stellt fest, das sie mit anderen Erfahrungen manche Dinge anders sieht. Und wie oft ist es bei Reisen auch das persönliche Befinden, auf das es ankommt: Ist das Wetter schlecht, die Menschen unfreundlich, man selber müde, unausgeschlafen – zack, schon fühlt man sich unwohl und sagt sich, nein, die Stadt gefällt mir nicht. So ist sie nun mehrfach erstaunt, weil manche Orte viel herzlicher wirken als beim letzten Besuch – oder umgekehrt.

Definitiv eine dicke Leseempfehlung!

OT: Grensen

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Vintage Books #11

Bei „Schamlos schön“ handelt es sich eigentlich nicht um ein besonderes Buch – es sind schlicht und einfach „Höhepunkte“ aus zwölf verschiedenen erotischen Romanen in einer Anthologie zusammengefasst. Erschienen ist das Buch bereits 1990 und das war auch ungefähr die Zeit, in der ich es gekauft habe.

Meine Beziehung zu dem Buch ist schon irgendwie speziell – es ist nämlich das erste erotische Buch, das ich mir gekauft habe. Tagelang bin ich damals im Woolworth (lustigerweise dachte ich bis zu diesem Beitrag, das es die Kette gar nicht mehr gibt) um das Buch herumgeschlichen. Ob man so was als Minderjährige kaufen durfte? Was da wohl drin stand? Oh Gott, die Frau da hinten guckt mich so komisch – lieber wieder weglegen. Oder doch nicht?

Irgendwann habe ich es gekauft. Und mit heißen Ohren gelesen (ich war damals etwa 14, 15 Jahre alt). Und als ich letztes Mal bei meinen Eltern war, da ist mein Blick zufällig auf dieses Buch gefallen und ich habe spontan eingesteckt. Vielleicht schmökere ich demnächst wieder darin, vermutlich mit weniger heißen Ohren als damals. ;)