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Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

Die Whitshanks sind eine ganz normale amerikanische Familie aus der Mittelschicht:

„An den Whitshanks war nichts Bemerkenswertes. Keiner von ihnen war berühmt. Keiner von ihnen konnte außergewöhnliche Intelligenz geltend machen. Und was ihr Äußeres betraf, waren sie nicht mehr als Durchschnitt.“

(S.73)

Red ist Bauunternehmer, Abby Sozialarbeiterin, die vier Kinder sind erwachsen und gehen eigene Wege. Sorgenkind ist Sohn Denny, der kein festes Ziel zu haben scheint und sich von Job zu Job durch schlägt. Doch während auf der einen Seite Enkel auftauchen, werden die Eltern auf der anderen Seite langsam älter, auch wenn das zunächst niemand wahrhaben will…

Einerseits ist eine typische Familiengeschichte, wie es sie oft gibt. Andererseits aber auch nicht. Anne Tyler erzählt die Geschichte nicht gradlinig, sondern springt zeitlich immer wieder hin und her. So wird auch die Geschichte der am Anfang bereits verstorbenen Eltern von Red erzählt, aber auch Red und Abby in der Jugend und am Ende des Lebens. Dazwischen erfährt man vieles über die Familie, manche Geheimnisse, die inzwischen erwachsenen Kinder verstören. Manches bleibt geheim und die Enkel werden es nie erfahren.

Neben den menschlichen Figuren ist da auch noch das große Haus, das eine wichtige Rolle spielt. Das Haus, das Red’s Vater beim Anblick ins Herz schloss und beharrlich daran arbeitete, es zu erwerben. Ein Stolz, den er Red vererbt hat. Doch irgendwann muss sich die Familie die Frage stellen: was geschieht mit so einem großen Haus, wen niemand da ist, der es bewohnen will?

Die Geschichte ist sehr warmherzig und liebevoll geschrieben. Niemand ist perfekt (auch wenn die Familie es gerne wäre), jeder hat seine eigenen Fehler. Manche sind auch für einen selber schwer zu ertragen und so verleugnet man sich lieber. Die Geschichte plätschert einfach vor sich her, es gibt keinen Höhepunkt, kein spannendes Ende. Langweilig ist es trotzdem nicht. Teilweise muss man zwischen den Zeilen lesen, um alle Bedeutungen zu erfassen – kein Buch, um es „mal eben schnell“ wegzulesen, sondern eines, das Zeit braucht. Aber dafür belohnt es einen mit einem schönen Leseerlebnis (und ich muss mehr von Anne Tyler lesen!).

OT: A Spool of Blue Thread

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Herbstlesen – Feiertagsedition

Feiertag, Regentag, Herbsttag, Lesetag – Herbstlesen! Wie schon in den letzten Jahren möchte ich mich zumindest zeitweise Konstanze beim Herbstlesen anschließen. Wobei ich nicht nur lesen, sondern mich auch ein wenig in Filme vertiefen will. Und etwas Herbstdeko darf auch nicht fehlen. Ich habe schon ein bisschen was aufgebaut:

An Büchern begleiten mich derzeit zwei verschiedene – ein Sachbuch über russische Geschichte und ein Roman.

„Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis ist sein zweiter Roman und wie auch das erste Buch ist dieses autobiographisch. Ich habe keine Ahnung, was davon nun wahr ist und was nicht, das macht es aber fast noch schwerer für mich, es zu lesen. In dem Buch wird der Ich-Erzähler vergewaltigt und beschreibt die Ereignisse danach und davor, teilweise aber auch aus der Sicht von anderen Personen. Ich lese wirklich nur sehr ungerne über sexuellen Missbrauch – ich lese einfach zum Spaß und es darf mich zwar durchaus herausfordern, aber, hm. Nachdem mir aber bereits „Das Ende von Eddy“ sehr gefiel, wollte ich auch dieses lese. Und bisher bereue ich es auch auf keinen Fall! Ich habe erst gestern Abend damit angefangen und bin erst auf Seite 36. Ich mag diese direkte, eindringliche Sprache wirklich sehr. Als Leser wird man direkt in das Geschehen geworfen – es beginnt ein paar Stunden nach den Ereignissen und erzählt also nicht von der eigentlichen Vergewaltigung. Trotzdem unglaublich eindringlich – oder vielleicht gerade deshalb?

„Russland – Die Tragödie eines Volkes“ von Orlando Figes ist ein Sachbuch, das sich mit den Ereignissen rund um die russische Revolution beschäftigt. Ich lese schon einige Zeit daran, bin aber noch nicht weit – bei 15% erst. Allerdings ist es auch gute 1000 Seiten dick. Ich habe das Buch übrigens in meiner Buchhandlung entdeckt und dort schon fast gekauft. Zum Glück habe ich rein gelesen, die Schrift ist nämlich furchtbar klein und so bin entschied ich mich für die elektronische Variante. Es ist wirklich sehr interessant geschrieben und informativ, wobei es schon fast zuviel Wissen bietet. Ich kann schon froh sein, wenn ich später einen Bruchteil davon behalte. Momentan bin ich bei Lenin angekommen – spannend, ich wusste bisher nicht, das Lenin aus dem Adel stammt (zwar niedriger, aber immerhin…).

Vielleicht such ich mir nachher auch ein drittes Buch aus – mal sehen. Auswahl wäre vorhanden.

Update 17.50 Uhr

Ich habe einen schönen, gemütlichen Tag auf der Couch verbracht. Ich habe nämlich mein Fellteppich aus dem Schrank geholt und wieder auf der Couch gelegt. Jetzt isses da noch schön kuschelig geworden.

Gelesen habe ich auch. Zunächst habe ich in dem Roman weiter gelesen und den ersten Abschnitt beendet. Es bleibt ein tolles Buch, das sehr eindringlich ist. Und deshalb hatte ich auch gar keinen Drang dazu, ein weiteres Buch zu beginnen. Zum Schluss habe ich dann zu meinem Russlandbuch gegriffen und das Kapitel über Lenin beendet. Damit habe ich auch da den ersten Teil abgeschlossen. Weiter geht es dann mit den ersten Unruhen.

Jetzt lasse ich mich aber erstmal berieseln. Ich mag „Fixer Upper“ sehr gerne und da laufen heute noch einige Folgen, die ich noch nicht kenne…

Update 21.15 Uhr

Ich habe „Im Herzen der Gewalt“ beendet und mein Eindruck hat sich bis zum Ende nicht mehr geändert. Beeindruckend, eindringlich – ich bin definitiv sehr gespannt auf weitere Bücher des Autors.

Jetzt beende ich aber den Lesetag mit einem Stückchen Eierlikörkuchen:

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Kate Racculia: Willkommen im Bellweather Hotel

Es ist 1997, Winter. Ein abgelegenes, großes Hotel im Nordosten der USA. Leicht heruntergekommen kann es nur überleben, weil es jedes Jahr einen großen Musikwettbewerb beheimatet. Fast 200 Schüler aus diversen Schulen nehmen daran teil. Es hat aber auch eine blutige Vergangenheit – 15 Jahre zuvor starb hier ein Brautpaar in der Hochzeitsnacht.

Hier treffen sie aufeinander: Die Zwillinge Alice und „Rabbit“ Bertram und ihre neue Lehrerin, die unscheinbare Minnie, der traurige Portier, die neue Leiterin des Wettbewerbes, ihre Tochter und ein exzentrischer Dirigent. Der Wettbewerb beginnt wie jedes Jahr – da verschwindet eine Teilnehmerin, ein musikalisches Wunderkind spurlos. Das schaurige: sie schlief im gleichen Zimmer wie das Brautpaar damals.

Ich habe mir das Buch in der Bücherei spontan ausgeliehen, weil der Prolog und der Klappentext spannend klangen. Und was bin ich froh, das ich dafür kein Geld ausgegeben habe! Es beginnt wirklich vielversprechend. Die einzelnen Personen werden eingeführt in die Geschichte und zumindest einige von ihnen werden mit Grautönen beschrieben. Andere Personen sind einfach abgrundtief böse geschildert und damit sehr eindimensional. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr wird offenbar, wie diese Personen miteinander verbunden sind. Leider wurde die Geschichte damit auch immer unlogischer. Spätestens nach dem Verschwinden des Mädchens habe ich mich geärgert, das dies scheinbar niemand ernst nimmt. Die anderen Teilnehmer nicht, die Mutter nicht und zu meinem Entsetzen auch die Polizei nicht. Stattdessen gibt entwickelt sich plötzlich eine Liebesgeschichte, die ich aber auch eher ungesund empfand.

Im Vorfeld las ich bei goodreads einige Bemerkungen zu dem Buch – „Romantic Comedy“, „Mystery“ und „realistic Story“ sind bei mir hängen geblieben. Es ist nichts davon. Es hat nichts romantisches (nicht jede Liebesgeschichte ist romantisch!), von Mystery ist auch nichts zu merken und wenn das realistisch ist, dann weiß ich auch nicht.

Kann man lesen. Muss man aber nicht. Wirklich nicht.

OT: Bellweather Rhapsody

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Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Artur Weniger, ein mittelmäßig bekannter, mittelalter Schriftsteller, bekommt Panik, als seine Langzeitaffäre verkündet, heiraten zu wollen. Allerdings nicht ihn, sondern einen anderen Mann. Er will auf keinen Fall bei der Hochzeit auftauchen, er will auf keinen Fall zu Hause alleine sitzen. Also ergreift er die Flucht und nimmt alle möglichen, obskuren Angebote an, die er sonst ablehnt: eine Preisverleihung moderieren. Als Nominierter auf einer Preisverleihung auftauchen. Als Gastdozent auftreten. Eine Einladung, in der es um einen früheren Partner, einem sehr bekanntem Dichter, geht. Und ein bisschen Urlaub. Mit Hilfe der Spesen reist er durch die Welt, Mexiko, Italien, Deutschland, Indien, Marokko.

Was er da erlebt, ist manchmal traurig, manchmal schräg, aber immer umwerfend komisch. Mit viel Gespür für Situationskomik und aus der Sicht des liebenswert verpeilten Weniger werden hier so eigentlich belanglose Dinge erzählt – die Auswirkungen der kleinen Schlafpillen, die Weniger auf seinen Flügen einnimmt. Seine Überzeugung, doch im falschen Auto zu sitzen, die Panik, die er bekommt. Seine Schwierigkeiten, in einem fremden Land eine Tür zu öffnen. Die Menschen, die er trifft, belanglose Affären, auf die er sich einlässt. Gleichzeitig aber auch die Rückblicke auf sein früheres Leben, frühere Partner. Nebenher wird auch der Literaturbetrieb beleuchtet – „inoffizielle“ Regeln für den Bestseller, Preisverleihungen, etc, etc.

Ein richtig schönes „Wohlfühlbuch“, warmherzig und ironisch zugleich. Schade ist aber, das der Verlag den Namen und damit auch den Titel geändert hat. Ich glaube nicht, das es für deutsche Leser eine großen Unterschied macht, ob die Person nun Weniger oder Less heißt – man hätte ja die Bedeutung erklären können. Die Übersetzung insgesamt kam mir zwar gelungen vor, aber alleine schon wegen dem Abschnitt, der in Berlin spielt und in dem Weniger auch im Original Deutsch spricht (allerdings ein seltsames deutsch) werde ich das Buch irgendwann nochmal lesen – dann aber im Original. Auch wenn ich mich sehr amüsiert habe, so glaube ich doch, das mir einiges Sprachwitz entgangen ist…

OT: Less

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(Parallel)Lesen macht Spaß!

Was ist schöner, als ein gutes Buch zu lesen? Zwei gute Bücher! Und was ist besser als zwei Bücher? Drei gute Bücher! Ich lese nicht immer mehrere Bücher gleichzeitig, aber wenn, dann achte ich immer darauf, das es unterschiedliche Werke sind:

 

Reisebeschreibungen aus England mit viel Ironie, ein faszinierender Familienroman und ein Sachbuch über die russische Revolution (das auch unglaublich dick ist und vermutlich lese ich noch sehr, sehr lange daran).

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Lesesonntag im September

Es ist wieder Lesesonntag und will meinen freien Tag entsprechend mit Büchern verbringen (und vielleicht auch Fernsehen…). Ich bin relativ früh wach geworden und habe die ersten zwei Stunden noch gemütlich im Bett verbracht – mit meinem neuem Buch, „Willkommen im Bellweather Hotel“ von Kate Racculia. Inzwischen bin ich auf Seite 108 und bisher ist nach dem blutigen Prolog noch nichts dramatisches passiert. Ein Haufen Teenager ist zu einem Musikwettbewerb in einem riesigen, leicht herunter gekommenen Hotel angereist. Bisher wurden mir einige Personen näher vorgestellt, v.a. die Zwillinge Alice und Rabbit (erstere zickig, der zweite unsicher), ihre Lehrerin und die Leiterin des Wettbewerbes.

Ich finde das Buch recht unterhaltsam, auch wenn ich noch nicht weiß, wohin das eigentlich alles führen soll. Doch bevor ich weiter lese, brauche ich zunächst ein Frühstück und ich gucke mal, was die etwaigen Mitleser so treiben. ;)

Update 18:55 Uhr

Wie immer lese ich an solchen Lesetagen weniger als eigentlich geplant. Stattdessen war ich spontan auf dem Theaterfest – ein Fest, das hier jedes Jahr gefeiert wird zum Saisonbeginn des Theaters. Da das Theater gleich bei mir um die Ecke ist, hat mich die Musik neugierig gemacht und so bin ich zufällig darauf gestoßen. Es war ganz witzig – ich habe bei einer Probe zugesehen, war auf dem Kostümflohmarkt und habe eine Führung mitgemacht. Zwischendurch habe ich dann den Bands zugehört, die gespielt haben. Es war wirklich nett, eine schöne Veranstaltung. Und das bei strahlendem Sonnenschein – es war schon fast zu heiß.

Vielleicht habe jetzt deshalb auch solche Kopfschmerzen oder doch zu wenig getrunken? Wie dem auch sei, für mich ist der Lesesonntag damit beendet. Ich lege mir jetzt einen kalten Lappen auf den Kopf und lege mich auf die Couch.

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Whitney G.: Naughty Boss

Liebesromane langweilen mich. Im Gegensatz zu früher habe ich das Interesse fast vollständig verloren, gerade was zeitgenössische angeht. Doch „Naughty Boss“ klang irgendwie lustig und es war kostenlos (kindle / epub) und ich hatte gerade Lust auf was seichtes, leichtes.

Mya ist Assisstentin bei einem Verleger und wenn sie am Anfang auch unglaublich glücklich über ihren neuen Job war, ist sie inzwischen stinksauer. Denn ihr Boss Michael ist unmöglich – Überstunden ohne Ende und extrem anspruchsvoll. Um Dampf abzulassen schickt sie ihrer besten Freundin Mails, in denen sie sich über Michael auslässt. Und auch schreibt, was sie sich wünscht, nämlich heißen Sex mit ihm. Dummerweise schickt sie eines Tages eine dieser Mails aus Versehen an ihren Boss.

Gut, die Story ist nichts neues. Ich habe jetzt direkt nach dem lesen auch nur eine verschwommene Vorstellung vom Äußeren der beiden (also, abseits von „Sexy!“), vom Alter, Background etc. Beide scheinen irgendwie plötzlich da zu sein, es gibt ein paar kleine Nebenfiguren, die als Hintergrund dienen, aber verzichtbar wären. New York wird als Handlungsort erwähnt, aber theoretisch könnte die Geschichte auch in Bochum spielen. Spaß hat es mir trotzdem gemacht, weil die Dialoge sehr amüsant waren. Die Ereignisse werden abwechselnd aus Sicht der beiden geschildert, was mir ebenfalls sehr gut gefiel. Beide benehmen sich wie Erwachsene und nicht wie Teenager. Die Sexszenen waren ok – nicht weltbewegend, stundenlange Orgasmen finde ich jetzt auch eher unrealistisch, aber da Erotik zwar vorhanden, aber eben nicht den Großteil des Buches ausmacht, war es ok.

Vom Ende bin ich dann leider etwas überrumpelt gewesen. Das kann natürlich auch daran liegen, das es mit diesem Buch wie mit vielen anderen, gerade kostenlosen ebooks ist – am Ende sammeln sich Hinweise und Leseproben auf weitere ebooks, die bestimmt noch besser sind. So lag das Verhältnis Roman/Werbung bei 70:30%. Finde ich etwas unbefriedigend.