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19-Punkte-Programm für den Urlaub zu Hause.

Wir unterliegen gerade alle Einschränkungen. Ich bin dabei in gewisser Hinsicht privilegiert: Ich muss mir definitiv keine Sorgen um meinen Arbeitsplatz machen, mein Lohn wird weiter gezahlt und ich muss jetzt auch nicht mehr raus, weil ich nun Urlaub habe. Theoretisch (Praktisch kann es aber auch gut sein, das ich angerufen werde und arbeiten gehe…).

Was also tun, wenn man mehr als 10 Tage zu Hause sein wird? Klar, lesen. Natürlich. Aber auch ich kann nicht jeden Tag stundenlang lesen. Was also noch? Ich habe mir für mich mal eine kleine Liste aufgestellt:

    1. Lesen. Ich habe es leider nicht mehr zur Bücherei geschafft, aber egal. Auf meinem Reader sind soooo viele Bücher, damit könnte ich mich ein ganzes Jahr beschäftigen. Und Hörbücher – die könnte ich mir auch mal endlich anhören.
    2. Fernsehen/Netflix. Ich habe so viele Filme und Serien auf meiner Wunschliste und sonst oft nicht die Zeit dafür.
    3. Kochen. Ich habe hier noch einige Rezepte liegen, die ich gerne ausprobieren will. Da kann ich meine Geschmacksknospen trainieren.
    4. Puzzeln. Habe ich ewig nicht mehr gemacht, jetzt habe ich mir gleich zwei gekauft und schon angefangen (46 Teile von 1000 habe ich schon geschafft…)
    5. WhatsApp und Telefon. Klar, Kontakt halten zu Freunden und Familie. Geht auch so.
    6. Terrasse herrichten. Wenn das Wetter schöner ist, dann werde ich die Möbel schon mal säubern und zwischendurch meinen Tee dort trinken.
    7. Kleiderschrank ausmisten. Immer gut.
    8. Bücherregal neu sortieren und abstauben. Vor allem letzteres wäre dringend nötig.
    9. Rezensionen schreiben. Damit auch andere was von meiner Leserei haben.
    10. Hautpflege. Gesichtsmasken. Pediküre. Handpflege! Gerade letzteres können wir alle im Moment gut gebrauchen. Wenn die Hände durch das ständige Waschen und Desinfizieren rissig werden, dann werden sie zur Eintrittspforte für Erreger.
    11. Gedanken wegen dem Indiebookday machen. In der Buchhandlung vor Ort stöbern wäre schön gewesen, aber dann muss es halt online gehen.
    12. Museumsbesuche virtuell. Dazu gibt es bei bei Geo Reisen eine spannende Aufzählung.
    13. Überlegen, wie ich meine Kommoden streichen will. Ich habe hier zwei Kommoden, bei denen die Oberfläche nicht mehr soooo dolle ist. Ich könnte mir zumindest schon mal zum Entschluss kommen, welche Farbe es denn sein soll. Ob ich dann auch wirklich streiche – mal sehen.
    14. Wählen. Bei mir in der Stadt geht die Wahl zur Oberbürgermeisterin in die Stichwahl. Und ja, es wird eine Frau. Das steht immerhin schon fest.
    15. Am Zehn-Finger-System arbeiten. Es gibt verschiedene Webseiten, auf denen man trainieren kann. Ich habe es, ehrlich gesagt, nie gelernt – warum nicht jetzt!
    16. Spazieren gehen, Radfahren. Frische Luft und Bewegung tun gut. Und kann man auch alleine machen.
    17. Den Flur streichen. Ich spiele schon einige Zeit mit dem Gedanken, dem Flur ein bisschen anders zu gestalten. Aber irgendwie zögere ich noch…hm.
    18. Oster/Frühlingsdeko anbringen. Hm, wahrscheinlich mache ich da nur das übliche – nämlich ein bisschen Minimaldeko, die in 15 Minuten fertig ist.
    19. Ok, für den letzten Punkt muss ich schon sehr verzweifelt sein: Frühjahrsputz machen.
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Héctor Abad: La Oculta

Die alte Ana Ángel ist gestorben – auf La Oculta, der Finca der Familie in den kolumbianischen Bergen. Ihre Familie will Abschied nehmen, vor allem die drei erwachsenen Kinder Pilar, Eva und Antonio.

Die drei Kinder sind sehr unterschiedlich. Pilar, konservativ, gläubig, traditionell. Eva, Feministin, freiheitsliebend. Und Antonio, für den Kolumbien zu eng wurde und der nach New York ging. Abwechselnd erzählen diese drei verschiedenen Personen aus ihrer Sicht die Geschichte von La Oculta. Antonio konzentriert sich dabei auf die Vergangenheit der Familie, er berichtet über ihre Anfänge in Kolumbien: wer wann wen heiratete und wann starb, wer Glück und wer Pech hatte. Pilar und Eva erzählen dagegen aus der jüngeren Geschichte der Familie und der Finca – eine Abfolge von glücklichen Ehen und kurzen Beziehungen, vor allem spiegelt sich auf La Oculta aber auch die Geschichte des Landes wieder, die teilweise sehr gewalttätig war. So hat die Finca auch Morde, Folter und Entführungen erlebt. Trotzdem hält gerade Pilar an La Oculta fest, obwohl die Familie mehrere Jahre dort nicht leben kann – zu gefährlich sind die Rebellen, die Paramilitärs, die Drogenmafia.

Eine Familie, die nach dem Tod eines Elternteiles zusammenkommt um Abschied zu nehmen – das ist wahrlich nicht neu. Trotzdem fand ich den Anfang wirklich interessant, vor allem die Abschnitte, in denen Eva über ihre Flucht aus der Finca berichtet. Leider fand ich andere Abschnitte dafür um so schwerfälliger erzählt, vor allem, wenn Antonio über die Familie berichtet. Dummerweise fand ich auch Antonios Überlegungen, warum er sich so sehr für die Vergangenheit interessiert genauso langweilig.

Pilar dagegen wirkt am Anfang etwa bieder und einfach. Im Laufe des Buches wird sie immer unsympathischer, ihre Handlungen scheinheilig und für mich ist dieses ganzes Gerede davon, das der Boden wichtiger als die Menschen sind einfach nur furchtbar. Andererseits ist ihre Geschichte immerhin nicht langweilig erzählt – ich mag sie nicht, aber ich muss sie ja auch nicht mögen, um das Buch zu lesen.

Insgesamt ist das ein Buch, bei dem ich teilweise den Eindruck hatte, das es von verschiedenen Autoren geschrieben wurde – vielleicht aber zu verschiedenen Zeiten, so das es sich fremd anfühlt, als wenn die einzelnen Erzählstränge nicht richtig zusammen passen, obwohl man die Bemühungen durchaus merkt.

OT: La Oculta

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Sally Hines: Wie ändert sich Gender?

Wie werden wir heute noch von Geschlechterrollen beeinflusst? Sind diese überhaupt noch von Bedeutung? Wie beeinflusst uns das biologische Geschlecht, wie ist es in anderen Kulturen und wie war es früher?

Ich habe das Buch in einer Buchhandlung entdeckt und mich haben sowohl Inhalt als auch Gestaltung angesprochen. Es richtet sich an Menschen, die sich noch nicht oder nur wenig mit Genderforschung befasst haben, aber diese Lücke gerne schließen möchten. Was ist Cis-Gender? Gibt es wirklich mehr als zwei Geschlechter? (Spoiler: Ja)

Mit etwa 140 Seiten bietet das Buch wirklich nur einen ersten Überblick, der ist aber umfassend und es lädt dazu ein, sich mit dem Thema, vielleicht mit dem einem oder anderem Teilgebiet weiter zu beschäftigen. Besonders nett neben der Gestaltung fand ich die zahlreichen Fußnoten, die alles mögliche kurz erklären. Dabei sind es nicht nur spezielle Begriffe aus der Genderforschung, die so erläutert werden – es wurden auch Dinge wie Shintoismus, Agrargesellschaft oder Personen wie Ajatollah Chomeini dargestellt. Vielleicht übertrieben, andererseits bin ich froh, das das Buch keine hohen Vorrausetzungen an das vorhandene Wissen stellt.

In der Reihe #dkkontrovers werden verschiedene Themen behandelt – große Fragen des 21. Jahrhunderts. Die Bandbreite ist dabei riesig – Gender, Demokratie, Kapitalismus, der Weltraum, aber das Layout ist identisch. Je nachdem, wie tief man in dem Thema einsteigen will, kann man selber entscheiden, wie viel man lesen will. Für einen kurzen Überblick reicht es, die größte Schrift zu lesen, wer tiefer eindringen will, der liest auch die kleineren Schriften. Neben den verschieden großen Schriften gibt es natürlich auch sehr einprägsame Bilder und Zeichnungen. Ich mochte das Buch – sowohl den Inhalt, als auch die Gestaltung und denke darüber nach, noch das eine oder andere Buch aus der Reihe zu erwerben…

OT: Is Gender Fluid?

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Stephan Orth: Couchsurfing in Russland

Das letzte Sachbuch, das ich hier rezensierte, war „Die Grenze“, das sich mit einer Reise um die Grenze Russlands beschäftigte. Da ist nur passend, das ich nun ein Buch lass, das sich mit einer Reise in Russland selbst beschäftigte.

Stephan Orth ist Couchsurfer. Die Couchsurfer sind durch das Internet miteinander vernetzt und bieten kostenlose Unterkunft an – man kann also kostenlos auf der sprichwörtlichen Couch eines Fremden übernachten. Muss man mögen, aber so kann man natürlich preiswert reisen und bekommt einen Einblick in das Land, den es bei einer Übernachtung im Hotel natürlich nicht gibt.

Es sind einzelne Anekdoten, von denen Orth berichtet. Essen im Kaukasus,  Übernachten in einer Datscha für sich allein, das andere mal in einer kleinen Wohnung auf dem Boden oder direkt neben der Toilette. Er besucht Moskau und St. Petersburg, aber auch die Krim, Tschetschenien, Kalmückien, Jakutien. Auch die Religionen sind sehr unterschiedlich – natürlich gibt es orthodoxe Christen und Atheisten, aber auch Buddhisten, Moslems. In Sibirien trifft er auch die Anhänger von Wissarion – einer von vielen Sekten in Russland, aber einer der erfolgreichsten.

Interessant ist das Buch aber nicht unbedingt wegen der Reiseroute, sondern wegen den einzelnen Begegnungen, die er mit den verschiedenen Menschen hat. Manches macht nachdenklich, manches ist lustig, manchmal auch traurig. Insgesamt hat mich das Buch gut unterhalten – es geht nicht besonders in die Tiefe, kratzt vieles nur an. Informativer, aber auch anspruchsvoller fand ich „Die Grenze“. Wem das aber zu dick ist, oder sich einfach nur ein bisschen über Russland informieren will, der ist mit dem Buch gut bedient.

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Dörte Hansen: Altes Land

Das alte Land im Jahre 1945. Die fünfjährige Vera und ihre Mutter gehören zu den zahlreichen Flüchtlingen, die durch das zerstörte Land irren. Die alte Bäuerin ist nicht begeistert, die wenigsten sind es. Vera wird als „Polackenkind“ beschimpft. 60 Jahre später flieht ihre Nichte Anne nach einer gescheiterten Beziehung aus Hamburg.

Das Buch erzählt verschiedene Geschichten. Zum einem ist da Vera, die nach der Flucht immer noch völlig traumatisiert ist und sich eine Nische gesucht hat. Als Kind versucht sie sich zunächst möglichst unsichtbar zu machen. Das Haus ist das Wichtigste, nichts wird verändert. Anne, ihre Nichte, wollte eigentlich nicht unsichtbar sein. Eine begabte Musikerin, doch dann wird sie von ihrem Bruder, einem Ausnahmetalent überholt. Und fortan kann sie es ihrer Mutter nicht mehr recht machen.

Ich habe tatsächlich mehrere Versuche für das Buch gebraucht. Ursprünglich wollte ich es als Hörbuch hören, aber die Stimme von Hannelore Hoger passte für mich einfach gar nicht. Gelesen hat mich das Buch dann aber sehr gut unterhalten. Vieles ist sehr klischeehaft dargestellt: die gestylten Hamburger, die originellen Landbewohner. Gerade am Anfang wirkt das übertrieben, es hat aber trotzdem gepasst und ich habe mich amüsiert. Es gibt immer wieder einzelne Sätze in plattdeutsch, ich fand das recht passend. Allerdings weiß ich nicht, wie das auf Menschen wirkt, die kein plattdeutsch verstehen.

Nicht gefallen hat mir das Ende – das war mir zu unfertig. Es wirkte so, als wenn das Buch einfach inmitten der Geschichte abgebrochen wurde.

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Kate Penrose: Nachts schweigt das Meer

Nach zehn Jahren als verdeckter Ermittler bei der Mordkommission in London und einem tragischem Zwischenfall bei der Arbeit braucht Ben Kitto eine Pause. Die will er auf der kleinen Insel verbringen, wo er aufgewachsen ist und im Betrieb seines Onkels arbeiten. Schon bei seiner Ankunft sind die Inselbewohner angespannt, ein junges Mädchen wird vermisst. Nach dem Fund der Leiche ist Ben sicher, das sie ermordet wurde. Der örtliche Polizeichef ist sich da zunächst nicht so sicher, nimmt dann aber doch die Hilfe von Ben an – mit Morden hat die örtliche Polizei nicht viel Erfahrung.

Schauplatz des Krimi sind die Scilly Inseln – eine Inselgruppe vor der Küste von Cornwall. Und hier ist es nicht die Hauptinsel, sondern Bryher – eine winzige Insel, auf der nicht mal 100 Menschen leben. Dabei ist es nicht das touristische Bryher im Sommer, das hier geschildert wird, sondern ein stürmisches, unbarmherziges Bryher. Mit häufigen Stromausfällen, mit Wind, Regen und Nebel. Mit Bewohnern, die einerseits zusammen halten, andererseits scheint aber auch jeder über jeden alles zu wissen. Und mit Bewohnern, die sich größtenteils mit mehreren Jobs über Wasser halten müssen. Immobilienspekulationen und Drogenhandel gibt es auch hier, auf der so scheinbar heilen Inselwelt.

Bryher selbst bildet den komplexesten Charakter. Ermittlungen auf einer Insel sind schwierig und einfach zugleich. Forensische Proben müssen aufs Festland geschickt werden, es dauert alles etwas länger. Die Fähre ist ein fester Bestandteil der Insel, die Kinder fahren jeden Tag auf die Nachbarinsel, um dort zur Schule zu gehen. Die menschlichen Figuren sind nicht wirklich außergewöhnlich: der ermittelnde Kommissar, der nach einer Tragödie von Zweifeln geplagt wird, sein junger, unerfahrener Assistent, die gutherzige Patentante, der schweigsame Onkel. Neben den alten Bekannten und Freunden gibt es natürlich auch Außenseiter auf der Insel: ein exzentrischer Maler, eine Kräuterfrau, die insgeheim als Hexe gilt. Ob es irgendwo im Universum eine Strichliste für die Figuren solcher Krimis gibt?

Auch wenn es einige Schwächen hat, insgesamt gefiel mir das Buch gut (ich habe gerade Band 3 beendet – sagt doch alles, oder), wobei die Kulisse sehr dazu beigetragen hat. Bisher sind drei Bände erschienen bzw. geplant. Ein Rätsel ist mir allerdings, warum die Autorin für die deutschen Ausgaben einen neuen Namen verpasst bekommen hat – beim Original heißt es noch Kate Rhodes. Keine Ahnung, warum man dies geändert hat?

OT: Hell Bay
Serie: DI Ben Kitto #1

PS: Die Skulptur mit der Strandszene habe ich übrigens von TreibholzKunstwerke.

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Best of Books 2019

Ich mag keine Statistiken, aber so ganz ohne einen klitzekleinen Rückblick wollte ich auch nicht in das neue Jahr schreiten. Also dann – kurz und knapp, hier meine ganz persönliche Top 5 unter den gelesenen Bücher.

  • Ulrike Moser: Schwindsucht. Eine andere deutsche Gesellschaftsgeschichte.
    Ein Buch über TBC – ernsthaft? Ja. Kein medizinisches Buch, sondern ein Buch über die gesellschaftlichen Auswirkungen und wie sich diese von der „romantischen“ Krankheit zu einem Stigma wandelte.
  • Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!
    Bisher war Chemie für mich ein Buch  mit sieben Siegeln, aber das Buch habe ich sehr gerne gelesen. Und ein eher trockenes Thema so aufbereiten, das es Spaß macht zu lesen, das schafft auch nicht jede.
  • Ricarda Huch: Der letzter Sommer
    Vermutlich die große Unbekannte unter den 5 Büchern hier – ein Klassiker, ein Briefroman. Aber was für einer! Großartig, wie sich die unbeschwerte Stimmung in dem Buch langsam immer düsterer wurde.
  • Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte
    Ein Mädchen wird tot aufgefunden – warum ist es gestorben? Was war der Auslöser? Kein Krimi, aber eine sehr eindringliche Familiengeschichte.
  • Erica Fatland: Die Grenze
    Russland, ein riesiges Land mit vielen Nachbarn – und alle haben ihre eigene Sicht auf Russland. Erica Fatland erzählt von einer Reise um Russland herum und das auch noch sehr fesselnd.