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Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte

Eine Familie sitzt am Frühstückstisch. Nur die älteste Tochter fehlt – sie ist tot, auch wenn das noch niemand ahnt. Bis zum Morgen des 3. Mai 1977 schien die Welt für die Familie Lee in Ordnung zu sein: Der Vater, Dozent am College, die Mutter Hausfrau, drei wohlgeratene Kinder. Alles perfekt.

„Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht.“

Natürlich ist es nicht perfekt. Lydia wird gefunden – tot. War es Mord? Selbstmord? Letzteres schließt die Familie kategorisch aus. Lydia war perfekt, fleißig, strebsam, sie wollte Ärztin werden, war beliebt, hatte viele Freundinnen. So jemand bringt sich nicht um. Ein Verrückter, der Nachbarsjunge, einer von ihnen muss es gewesen sein.

Bei dem Buch handelt es sich nicht um einen Krimi, sondern um das genaue Psychogramm einer Familie. Einer Familie, die eben nicht perfekt ist. Da ist der Vater, der lieber in Harvard unterrichtet hätte, aber nicht genommen wurde – als Sohn chinesischer Einwanderer passte er nicht nach Harvard. Da ist die Mutter, die so gerne Ärztin geworden wäre, aber wegen der Schwangerschaft mit ihrem Sohn diese Träume begraben musste. Nate, der kluge ältere Bruder, der für die Eltern trotzdem unsichtbar, weil Lydia der Liebling war. Und Hannah, das Nesthäkchen, ebenfalls unsichtbar, aber eine genaue Beobachterin.

Das Buch verbindet mehrere Zeitebenen miteinander. Da ist zum einen die Familie, die mit dem Verlust von Lydia umgehen muss und daran fast zerbricht. Aber es gibt auch Rückblenden – wie war Lydia wirklich? Was mochte sie, was wollte sie? Und wie ging sie mit den hohen Erwartungen der Eltern um? Auch die Geschichte der Eltern und Großeltern wird beleuchtet. Welche Wünsche hatten die Großeltern, welche Erwartungen? Konnten die inzwischen erwachsenen Kinder diese erfüllen? Und was macht es mit einem, wenn man sich nie zugehörig fühlen kann, weil man eben „anders“ aussieht, wenn deshalb die Karriere anders verläuft, wenn man immer Außenseiter ist, immer abseits steht?

Der Roman bietet keine einfachen Lösungen, aber es regt zum Nachdenken an. Keine Person ist gut oder schlecht, alle habe ihre Fehler, alle wollten „das Beste“  – doch leider ist das manchmal gar nicht das beste, sondern das schlimmste, was man jemanden antun kann.

Ein grandioser, sehr dichter und spannender Familienroman – definitiv eines der Highlights dieses Jahr – wenn nicht sogar das beste Buch (bisher) für mich. Eine dicke Leseempfehlung!

OT: Everything I Never Told You

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Ricarda Huch: Der letzte Sommer

Russland, 1905: Die Familie von Rasimkara verbringt ihren Sommer auf dem Gut in der Nähe der Hauptstadt. In Petersburg gärt es, der Prozess gegen die Anführer der Studentenrevolte steht kurz bevor. Das Familienoberhaupt ist Gouverneur und mit seiner unbeherrschten Art ein Feind der Studenten. Seine Frau macht sich nach dem Erhalt eines Drohbriefes große Sorgen und so wird auf ihren Drängen hin der junge Lju eingestellt – offiziell als Sekretär, inoffiziell als Leibwächter.

Die kurze Geschichte ist als Briefroman konzipiert. Die drei erwachsenen Kinder und die Eltern schreiben an Freunde und Verwandte. Lju schreibt ebenfalls – an seine mit ihm verschworenen Feinde des Gouverneurs. Von Anfang ist also dem Leser klar, dass die Familie sich mit dem vermeintlichen Beschützer den Feind direkt in das eigene Haus geholt hat. Lju beschreibt die Familie und auch das weitere Personal in seinen Briefen. Jegor, der Gouvenor: völlig ahnungslos, hat sich nur deshalb einen Sekretär geholt, um seine Frau Lusinja zu beruhigen. Diese wiederum ist zunächst auch sehr beruhigt. Solange Lju auf ihren Mann aufpasst, solange kann nichts geschehen. Eine der beiden Töchter schwärmt sogar für Lju, wie sie schließlich in einem Brief an ihre Tante zugibt.

Die Stimmung in dem Buch ist anfangs sehr unbeschwert, fröhlich. Nach der Ankunft des vermeintlichen Beschützers sind alle Bedenken verflogen. Die Kinder sympathisieren sogar teilweise mit den Studenten. Die Schließung der Universität betrifft schließlich vor allem die armen Studenten – die reicheren, adligeren können immer noch ins Ausland gehen und weiter an der zukünftigen Karriere arbeiten, wird dem Vater vorgehalten. Fast unmerklich ändert sich die Stimmung, wird düsterer, angespannter. Die Beschreibungen der Charaktere und vor allem der Stimmung ist hervorragend gelungen. Und auch wenn es kein Krimi ist, son ist es doch spannend: wird der Anschlag gelingen? Oder wird Lju doch noch rechtzeitig enttarnt?

Es gibt verschieden ebook Ausgaben. Ich habe es mir einfach gemacht und mich für die preiswerteste Ausgabe für 0,99 € aus dem Verlag eClassica entschieden.

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Katharina Höftmann: Die letzte Sünde

Kommisar Rosenthal ist erst seit kurzem bei der Polizei in Tel Aviv. Seine bisherige Karriere fand im Gazastreifen statt, ständig auf der Jagd nach Terroristen. Jetzt bekommt er seinen ersten Fall: eine junge Frau, eine Einwanderin aus der Ukraine, wurde ermordet aufgefunden. Der Täter scheint schnell gefunden zu sein, ein Afrikaner, mit dem sie zuletzt gesehen wurde.

„Die letzte Sünde“ habe ich in der Bücherei entdeckt und spontan ausgeliehen. Assaf Rosenthal ist ein Mann mit vielen Fehlern. Er ist ein richtiger Weiberheld, scheint fast nie pünktlich zur Arbeit zu kommen, trinkt gerne und kifft. Er hat Vorurteile, v.a. den afrikanischen Einwanderern gegenüber und so fühlt er sich beim ersten Tatverdächtigen bestätigt. Aber er ist auch ein guter Ermittler, der nicht die einfache Variante wählt, sondern weiter ermittelt, weil er weiß, das der Fall noch nicht abgeschlossen ist.

Der Kriminalfall ist in meinen Augen nicht sonderlich spannend, eher fand ich es merkwürdig, das der Kommissar so lange brauchte, um auf die Lösung zu kommen. Was mir aber sehr gefiel, das waren die Beschreibungen aus Tel Aviv selber. Die Gesellschaft selber, die so zerrissen ist, die unterschiedlichen politischen Strömungen, der Umgang mit Einwanderern, der Rassismus innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Spannend fand ich auch den Einblick in den israelischen Polizeialltag. Rosenthal ist es gewohnt, praktisch sofort Durchsuchungsbefehle etc. zu bekommen – Terrorbekämpfung in Polizeikreisen den höchsten Stellenwert, diese Abteilung hat die beste Ausstattung, die größten Ressourcen.

Dank meiner Bücherei werde ich auch noch die weiteren Bände – insgesamt gibt es drei – lesen können. ;)

Serie: Assaf Rosenthal #1

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Walter Moers: Der Bücherdrache

Walter Moers ist ein echtes Phänomen. Einige seiner Bücher wie „Die Stadt der träumenden Bücher“ und „Rumo“ wurden unendlich gehypt. Andere dagegen in Grund und Boden verstoßen. Wenn man sich mal durch die „Bewertungen“ bei Amazon liest, dann ist es fast schon zum lachen, was da an Verschwörungstheorien ausgebreitet wird: Walter Moers ist tot und stattdessen hockt im Verlag ein armer Praktikant, angekettet im Keller und muss schreiben…

Jetzt also das neues Werk aus Zamonien, „Der Bücherdrache“. Hildegunst von Mytenmetz wird in ein Buch eingesogen und trifft auf auf den Buchling Hildegunst 2. Der erzählt ihm eine Geschichte, die er erlebt hat – nämlich die seiner Begegnung mit dem Bücherdrachen. Walter Moers erzählt also die Geschichte, die Hildegunst erzählt, die Hildegunst 2 erzählt. Klingt ein bisschen verwirrend, klappt aber gut. Die eigentliche Geschichte ist eher einfach gehalten, es gibt keine großen Höhen und Tiefen, keine überraschenden Wendungen. Von daher war es keine aufregende Lektüre, aber angenehm und, ja, nett. Nett ist hier nicht gemeint im Sinne von „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße“, sondern einfach nett. Ohne großen Anspruch, ohne lange im Gedächtnis zu bleiben, aber für die Zeit des Lesens bot es gute Unterhaltung. Ob ich es jemals nochmal lesen werde? Keine Ahnung.

Was mir hier wieder besser gefallen hat, sind die Zeichnungen. Diese sind wieder Walter Moers, wie in den meisten seiner anderen Werke auch. Dafür ist es dünner als die meisten seiner anderen Bücher, es enthält neben den Zeichnungen, die natürlich ebenfalls Raum einnehmen auch noch eine Leseprobe von „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ (das Buch war vor einigen Jahren schon mal angekündigt, erschien dann aber doch nicht). Damit reduziert sich der Umfang des Bücherdrachen noch weiter. Richtig störend fand ich es nicht, ich kann aber verstehen, das sich manche Fans davon auf den Schlips getreten fühlen – so hat es denn Anschein, als ob das dünne Buch durch die Leseprobe noch künstlich etwas aufgebläht werden soll. Schade.

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Neue Küche!

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich weniger rezensiere, in denen mich andere Dinge mehr beschäftigen. So eine Zeit war jetzt – so langsam komme ich wieder in die alte Leseform. Wobei sich das in den letzten Jahren fulminant geändert hat. Früher konnte ich ohne Probleme lesen – egal, was sonst im Leben so los war. Heute kann ich mich in angespannten Phasen oft nicht richtig konzentrieren. Man könnte auch sagen, früher konnte ich den Kopf in den Sand stecken und mich für einige Zeit in fremde Welten vertiefen. Heute muss ich erst alles an Ort und Stelle platzieren (sowohl geistig als auch körperlich) und habe dann erst den Kopf frei und kann die Lesezeit genießen.

Beschäftigt habe ich mich in den letzten Wochen, Monaten mit einer neuen Küche. Während der Kauf noch relativ fix ging (ich wusste, was ich wollte) und ich innerhalb weniger Tage nacheinander mehrere Geschäfte abklapperte, war die Wartezeit danach lang. Sehr lang. Geplant waren drei Monate, letzten Endes wurde die Küche mit fast 6 Wochen Verspätung geliefert. Der Aufbau selber hat dann relativ gut geklappt – eine Elektroleitung wurde leider beschädigt und musste repariert werden. Deshalb konnte das letzte Möbelstück auch nicht sofort installiert werden. Der Elektriker war übrigens sehr fix – das Küchengeschäft ließ sich auch hier wieder viel Zeit und beim dritten Anruf meinerseits, als ich wieder nur mit nichtssagenden Floskeln abgespeist wurde, riss dann auch mein Geduldsfaden. Doch seit 2 Wochen ist sie fertig.

Ich freue mich immer wieder daran. Ich habe relativ wenig Arbeitsfläche, dafür mehr große Schränke – denn für mich ist das nicht nur Küche, sondern auch Abstellraum. So habe ich dort auch sämtliche Weihnachtsdeko, Werkzeug, Getränkekisten etc. untergebracht. Außerdem musste die Waschmaschine wieder integriert werden. Wenn ich den vorhandenen Platz bedenke, dann habe ich das ganze für mich optimal an meine Bedürfnisse angepasst. Zu guter Letzt habe ich dann noch zwei Bilderleisten aus dem berühmten, schwedischen Möbelhaus aufgehangen – dort sind nun Gewürze und Kochbücher plaziert.  Einfach, preiswert, praktisch, aber optisch trotzdem sehr cool.

Inzwischen kann ich auch mit den neuen und wirklich scharfen Messern umgehen – es gibt nicht mehr bei jeder Benutzung Schnittwunden. Nur noch ab und zu. ;)

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Lisz Hirn: Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist

Lisz Hirn ist eine österreichische Philosophin und Publizistin, die  mir jedoch bis dato völlig unbekannt war. Doch ihr Buch hat mich gleich angesprochen. Darin beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen, die der „neue“ Konservatismus v.a. auf Frauen hat. Längst geglaubte Rechte werden wieder beschnitten bzw.  diskutiert. Jemand wie Trump prahlt mit seinen „Eroberungen“ und nicht mal seine weiblichen Fans scheint dies zu stören: WTF? Gleichzeitig muss man heute einen Vormarsch der sogenannten „Lebensschützer“ beobachten.

Der Schwerpunkt des Buches ist Österreich und seine (gerade in Auflösung begriffene) Regierung und deren Frauenbild. Zurück an den Herd heißt die Devise der agierenden Politiker. Emanzipierte Frauen – puh. Also, natürlich darf Frau intelligent sein, schließlich darf sie auch ein kleines Taschengeld verdienen. Aber ansonsten ist es doch ihre ureigenste Aufgabe, sich um den Nachwuchs zu kümmern – oder um die Vorfahren, denn natürlich zählt auch die Angehörigenpflege dazu. da Care Arbeit immer noch nicht vernünftig bezahlt wird bedeutet das leider auch, das Frauen signifikant höher von Altersarmut betroffen sind.

Gleich am Anfang bezieht sich die Autorin auf das Drama „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Man muss das Stück übrigens nicht kennen, die Autorin erklärt den Inhalt kurz und knapp. Die Brandstifter sind längst angekommen im Haus/in der Politik und auch die Biedermänner reden sich gerade um Kopf und Kragen. Kurz und knackig, aber auch mit viel Ironie führt die Autorin durch das Buch, unterstützt von einem wirklich tollen Layout. Das Buch lädt ein zum lesen – entweder von Anfang bis zum Ende oder zum Stöbern mittendrin und nachlesen. Es macht Spaß, liefert aber auch neue Ideen, regt zum Nachdenken ein. Und am Ende des Buches gibt es auch noch einen Test: Bin ich ein Biedermann/Biederfrau?

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Natalia Ginzburg: So ist es gewesen

Natalia Ginzburg gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Italiens. Ihre Biografie ist mit Sicherheit sehr interessant – ich habe mich aber zunächst für eine ihrer Erzählungen entschieden. Mit 96 Seiten ist es dünnes Buch, das sich bestimmt schnell lesen, dachte ich. Im Nachhinein kann ich mir auch nicht erklären, warum ich dann doch eine Woche gebraucht habe.

„Ich habe ihm in die Augen geschossen.“

Bereits nach den ersten Sätzen wird klar, das es sich hier um eine tragische Geschichte handelt. Eine Beziehung, deren Ende am Beginn des Buches steht. Die Frau erschießt ihren Mann. Danach zieht sie ihren Mantel an und während sie durch die Stadt irrt, erfährt man als Leser die Hintergründe der Tat. Der Mann, wesentlich älter, liebte eigentlich eine andere Frau. Trotzdem heirateten sie beide, ein Kind gab es, das jedoch starb.

Die Erstausgabe erschien 1947. Die Frau ist Lehrerin, hatte noch nie einen Freund und so ist der erste Mann, der freundlich zu ihr ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt, auch jemand, den sie eigentlich als Partner nicht akzeptieren kann. Zu alt ist er, zu klein, zu alles. Aber er ist da und schließlich verliebt sie sich – oder ist ein verlieben in die Idee, eine Ehefrau zu sein, ein eigenes Haus zu haben? Als Lehrerin wohnt sie schließlich in einer Pension, ist nie alleine, muss sich immer mit den andere Bewohnern arrangieren. Natürlich wirken hier auch die früheren Moralvorstellungen. Die Frau, die ihr Mann liebt, diese ist selber vergeben, gefangen in einer Ehe, eine Scheidung kommt für keinen der Beteiligten in Frage. Und wenn die Erzählerin und ihr Mann mit dem Gedanken an eine Trennung spielen, so ist diese nach dem Tod des Kindes wieder vom Tisch. Denn nun muss man sich gegenseitig trösten, vielleicht ein neues Kind…

Das Buch erzählt die Geschichte in einfachen, fast schon monotonen Sätze. Es gibt viele Wiederholungen – sonst eher ein Ärgernis, hier jedoch die Aussichtslosigkeit, die Melancholie bestärkte. Die merkwürdige Unbeteiligtheit, mit der die Geschichte erzählt wird, verstärkt nur die Eindringlichkeit des Buches. Ein wirklich faszinierendes Buch, das nachwirkt.

OT: È stato così