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Caroline Criado Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

Was hat Schnee räumen mit Gleichstellung zu tun? Das Design von Klaviertasten? Der Aufbau der Infrastruktur nach einer Katastrophe? Nichts? Von wegen! Das belegt die Autorin Caroline Criado Perez in zahllosen Beispielen. Sie hat vorhandene Daten ausgewertet und dabei immer wieder festgestellt, das Männer nach wie vor die Welt beherrschen. Natürlich gibt es auch Frauen, die die Regierung stellen, es gibt Managerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen. Aber in den entscheidenden Positionen sind Frauen weiterhin deutlich in der Minderheit, obwohl sie die Hälfte der Weltbevölkerung stellen.

Unterteilt ist das Buch in sechs Bereiche:

  • Alltagsleben
  • Am Arbeitsplatz
  • Design
  • Der Arztbesuch
  • Öffentliches Leben
  • Wenn etwas schiefgeht

Manches davon war mir bewusst. Ich wusste, das Medikamente standardmäßig an Männern getestet werden. Das es am Arbeitsplatz immer wieder Probleme gibt, ja. Ich wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, das es teilweise keine Arbeitsschutzkleidung für Frauen gibt. Wobei – ich hätte es mir denken können, nachdem in verschiedenen Medien über die Probleme der NASA mit den Raumanzügen für Frauen hatte. Was mich aber richtig, richtig zum in-die-Tischkante-beißen brachte, das war die Tatsache, wie mit Frauen bei Katastrophen und den Aufbauarbeiten danach umgegangen wird. Dazu gehören nicht nur die Vergewaltigungen nach Hurrikan Katrina oder das neue Häuser nach einer Naturkatastrophe ohne Küchen und damit unbrauchbar geplant werden. Bei Verhandlungen über Friedensabkommen werden Frauen oft nicht mit einbezogen – dabei wurde nachgewiesen, das bei weiblicher Beteiligung/Leitung die Abkommen länger halten.

Ein wirklich, wirklich gutes Buch, das unbedingt Pflichtlektüre werden sollte, gerade für Männer in den entscheidenden Positionen (wobei die darauf vermutlich keine Lust haben werden…). Um so schlimmer, das diesem Buch ein grober Schnitzer unterlaufen ist: Auf Seite 271 wird über einen der größten Medikamentenskandale überhaupt berichtet: Thaliodomid, das als Schlafmittel und gegen Übelkeit an schwangere Frauen verschrieben wurde. So weit richtig, allerdings war der Handelsname in Deutschland nicht Methadon, wie fälschlich behauptet – sondern Contergan. Ich habe den Verlag übrigens darüber informiert – das ganze wird nun geprüft und gegebenenfalls in der nächsten Auflage korrigiert.

OT: Invisible Women: Exposing Data in a world designed for men.

 

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Hörbuch Tipp: Audiothek der ARD

Durch Zufall bin ich auf die ARD Audiothek gestoßen. Wer auf der Suche nach kostenlosen Stoff für die Ohren ist, der wird hier fündig werden: Texte und weitergehende Informationen zu aktuellen Themen. Podcasts. Sogar Hörbücher und Hörspiele. Darunter einige wenige aktuelle Sachen, vor allem im Hörspielbereich gibt es aber auch sehr viele klassische Werke aus den 1950er, 1960er Jahren. Besonders spannend finde ich da im Moment die Reihe „Kein Mucks“, die von Bastian Pastewka präsentiert wird. Zusätzlich zu dem eigentlichen Krimi gibt es da auch immer noch ein bisschen Geplauder von Pastewka mit ein paar weiteren Infos. Ebenfalls ein klassische Krimi: „Paul Temple und der Fall Conrad“ – ebenso charmant verstaubt wie die von Pastewka präsentierten Krimis, aber deutlich länger.

Nur kurz reingehört habe ich dagegen in „Was man von hier aus sehen kann“, eine Hörspiel Adaption des Romanes von Mariana Leky. Allerdings fehlte mir es mir im Sommer sehr an der entsprechenden Konzentration. Vielleicht irgendwann später, in einem neuen Versuch. Entsetzlich, aber sehr gut war dagegen „Der Mörder und meine Cousine“ – ein Podcast über den Mord an einer Frau durch ihren Partner. Eine wahre Geschichte und gerade deshalb so entsetzlich.

Neben den ganzen Hörbüchern und -spielen habe ich mich aber auch inzwischen durch diverse Dokumentagen bzw. Reportagen gehört: Seifenherstellung. Gewürze. Historisches über den Boxeraufstand in China. Island im Winter. Ein geplanter Tunnel zwischen Estland und Finnland. Ja, das ist sehr bunt gemischt. Ich höre die Sachen übrigens ausschließlich über die App, die Stücke lassen sich da auch offline speichern und später hören. Leider ist die App etwas unübersichtlich und so habe ich vermutlich bisher nur den Bruchteil des Angebotes erfassen können. Aber grundsätzlich ist die Audiothek für jeden interessant, der gerne zuhört.

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Linus Giese: Ich bin Linus

Ich folge Linus über Twitter schon seit einigen Jahren und kann mich noch gut an sein Bild mit dem Kaffeebecher erinnern. Und die folgenden Reaktionen – positive, leider auch negative.

Und jetzt hat er ein Buch geschrieben. Ein Buch, das seine Transition beschreibt – die eigenen Gefühle, aber auch die Reaktionen der Umwelt. Ich fand es wunderbar zu sehen, wie jemand sich so langsam wohlfühlt, experimentiert, sich ausprobiert. Es ist kein gerade Weg, im Gegenteil – es ist sogar ein steiniger Weg. Das Buch macht nachdenklich, es ist aber auch in vielerlei Hinsicht sehr informativ: Wie ist eigentlich der bürokratische Weg der Namensänderung? Was muss man machen, wenn man Hormone einnehmen will und wie schnell wirken die eigentlich? Was ist eigentlich ein Deadname? Einiges wusste ich schon, anderes war mir neu bzw. schlicht und einfach nicht bewusst. Als Cis Frau bin ich in der privilegierten Position, mich damit nicht beschäftigen zu müssen.

Es entsetzt mich aber auch in vielen Dingen. Natürlich habe ich die Feindseligkeit auch über Twitter mitbekommen, aber wie ausgeprägt es war und ist, welche Konsequenzen diese auf das Offline Leben hatten und immer noch haben, das fand und finde ich erschreckend. Vor allem aber sensibilisiert das Buch. Es sorgt für mehr Sichtbarkeit. Und das ist etwas, was wir als Gesellschaft dringend brauchen.

Dicke Leseempfehlung!

Edit: Weiterführende Links: Buzzaldrins Bücher ~ Ich bins Linus

how to be a femnist
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Marta Breen: How to be a Feminist

Immer wird hört man hier, das der Feminismus hier doch kein Thema mehr ist. Frauen dürfen wählen und arbeiten und überhaupt – reicht das nicht? Wie ist es dann in Norwegen, ein Land, das nun wirklich zu den Staaten zählt, in denen die Gleichberechtigung scheinbar vollzogen ist. Warum gibt es dort überhaupt noch Feministinnen, wenn doch alles perfekt ist?

Nun, natürlich ist das Leben in Skandinavien nicht perfekt. In vielerlei Hinsicht haben es Frauen dort leichter. Aber wir leben in einer Zeit, in der es weltweit rechtspopulistische Regierungen gibt und auch in den Staaten, in denen diese nicht die Regierung stellen, gibt es entsprechende Strömungen. Auch das ist etwas, wofür wir uns einsetzen müssen – wir dürfen nicht zulassen, das man uns wieder lange vorhandene Rechte wieder nimmt. Und so waren die Frauen in Norwegen auch sehr schnell auf der Straße, als das Abtreibungsrecht dort verschärft werden sollte.

Außerdem geht Marta Breen auch immer wieder auf die Situation von Frauen in anderen Staaten ein. Zum Thema Feminismus in Russland gibt es in der Mitte des Buches einen längeren Comic, der von Jenny Jordhal gezeichnet wurde, einer Illustratorin, mit der Marta Breen bereits in anderen Büchern zusammen gearbeitet hat.

Neben dem Inhalt gefiel mir auch der Schreibstil und die Gestaltung. Viele Begriffe werden erklärt, unterschiedliche feministische Strömungen erläutert. Dazu kommen viele Zitate von anderen Feministinnen. Etwas fremdartig fand ich den Comic in der Mitte des Buches, der auf mich wie ein Fremdkörper wirkte. Ich mochte ihn gerne, er passte thematisch natürlich auch ins Buch, war aber einfach etwas ganz anderes als der Rest des Buches. Vielleicht hätte man ihn auch besser ans Ende des Buches gesetzt? Meiner Empfehlung tut das aber keinen Abbruch und so bin ich ganz froh, das ich mich vor einiger Zeit wegen eines heftigen Platzregens in eine Buchhandlung geflüchtet hatte…

OT: Hvordan bli en (skandinavisk) feminist

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Katja Mutschelknaus: Kaffeeklatsch. Die Stunde der Frauen

Welche Auswirkungen hatte der Kaffee auf die Gesellschaft? Im ersten Moment mag man da die Schulter zucken, aber je mehr man in dem Buch liest, desto mehr erfährt man von den Auswirkungen. Männer beäugten die Damen missbilligend. Was mochte da in aller Heimlichkeit wohl besprochen werden? Und dann auch noch Kaffee, so ein heißes Getränk. Verrufen war es, wegen der anregenden Wirkung.

Viele kleine Geschichten erzählt das Buch: wie junge Frauen sich bei der Kaffeegesellschaft präsentieren mussten – schließlich saßen dort auch die zukünftigen Schwiegermütter. Vorlaut sein ging nicht, zu schüchtern aber auch nicht. Ein gewisse Bildung sollte Frau haben – aber bitte nicht zu viel, sie sollte schließlich nicht abschreckend wirken. Erstaunt haben mich die Kosten, die man früher für ein Kaffeeservice ausgeben musste. Kein Wunder, das schließlich auch das Geschirr ein Teil der Aussteuer wurde.

Neben dem Kaffee werden auch die Beilagen thematisiert: Der Frankfurter Kranz, die Schwarzwälder Kirschtorte, der Napfkuchen. Und dieses beharren darauf, der Kuchen „hausgemacht“ sein soll – denn gerade bei der deutschen Hausfrau war auch die Sparsamkeit sehr wichtig. Nur ein hausgemachter Kuchen ist gemütlich, aber er muss auch schon fast so gut sein wie in der Konditorei.

Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche Zeichnungen und Fotografien, was den Spaß am Lesen oder einfach nur beim „durchblättern“ erhöht. Ich bedaure gerade, das ich auf meinem winzigen Couchtisch keinen Platz für die sogenannten Coffee Table Books habe – denn das wäre dafür prädestiniert.

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Meera Sodha: Original indisch

Es ist unfassbar, aber ich habe eine Premiere: Die erste Rezension eines Kochbuches! Ich! Ein Kochbuch! Wenn das meine alte Kochlehrerin aus der Schule früher lesen könnte – ja, es hat gedauert, aber inzwischen kann ich es und manchmal macht es sogar Spaß, die Kocherei.

Warum mich gerade dieses Buch gereizt hat, ist auch einfach erklärt: ich habe in letzter Zeit einige indisch inspirierte Rezepte aus dem Internet ausprobiert und für unfassbar lecker befunden. Und ich habe Kolleginnen aus Indien, die mich auch schon bekocht haben – jedes mal ein Genuss. Also habe ich nach indischen Kochbüchern gesucht und der Name Meera Sodha fiel dabei immer wieder auf. Sie beschreibt ihre Küche als einfache Hausmanskost mit indischen Wurzeln, aber mit ostafrikanischen und englischen Einflüssen. Am Anfang des Buches geht sie auch kurz auf die Familiengeschichte ein – die Familie wanderte aus nach Uganda, war dort erfolgreich, musste dann aber wie alle Asiaten fliehen und landete in England.

Es gibt über 130 Rezepte – Snacks, Fleisch- und Fischgerichte, Gemüse, Desserts, Getränke. Theoretisch ist was für alle dabei. Auch als Vegetarier findet man hier leckeres, wobei die Autorin auch zwei Bücher mit vegetarischen Rezepten geschrieben hat, die man sich dann wohl eher kaufen wird. Ich habe natürlich nicht alles schon nachgekocht – manches reizt mich nicht so sehr, manches passt von der Menge her als Single nicht so (in den letzten Monaten gab es ja nun wirklich nicht die Gelegenheit, große Essen zu veranstalten). Aber das, was ich gekocht habe, das war so verdammt lecker: Maiskolben mit Chilibutter. Hähnchen Tikka. Spinat mit Panir. Verschiedene Dals. Für meine Begriffe waren die Gerichte unkompliziert und erforderten auch keinen großen Aufwand, was die Zutaten angeht. Wobei ich da vielleicht auch etwas verwöhnt bin, ich habe nicht nur asiatische Geschäfte in der fußläufiger Nähe, sondern auch ein Gewürzgeschäft.

Neben den Rezepten gibt es auch noch einige Hinweise zu Küchenutensilien (keine Angst – es sind nur wenige!), Maße & Gewichte und, was ich sehr hilfreich fand, ein längeres Kapitel über typisch indische Gewürze und Zutaten und wo man diese am besten bekommt.

Mir gefiel auch die Gestaltung des Buches – allerdings, es gibt nicht zu jedem Rezept auch ein Foto. Stattdessen gibt es teilweise Bilder der Zutaten, vor allem aber der Autorin selber, manchmal auch von ihrer Mutter. Mich hat das nicht gestört, wer darauf aber Wert legt, der wird enttäuscht werden.

OT: Made in India

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Charlaine Harris: Midnight Crossroad

Midnight ist ein kleines Kaff mitten im texanischem Nirgendwo. Hierher zieht Manfred nach dem Tod seiner Großmutter. Die Einwohner wirken ein bisschen seltsam, passen damit aber ganz gut zu Manfred, der sein Geld als Hellseher verdient. Sein Vermieter betreibt eine Pfandleihe, nebenan wohnt eine angebliche Hexe, im Keller ein Vampir.

Bei einem Picknick finden die Einwohner allerdings eine Leiche und niemand ist davon begeistert, das nun die Polizei in Midnight herum schnüffelt. Denn auch wenn alle den Mörder finden wollen, so haben sie doch alle Geheimnisse, die lieber nicht an dem Tag kommen sollen…

Die Midnight Trilogie ist schon ein paar Jahre auf dem Markt, war allerdings nie so erfolgreich wie es andere Bücher von Charlaine Harries waren, vor allem die Sookie Stackhouse Reihe. Ein bisschen unterscheidet es sich auch von den anderen Bücher. Während es da immer eine weibliche Heldin war, aus deren Sicht die Ereignisse geschildert wurden, ist es hier die Erzählperspektive eine andere. Mehrere Figuren erzählen und auch wenn ich erst dachte, das Manfred die Hauptfigur ist, so muss ich am Ende sagen, das es eher mehrere Personen gibt, die gleichberechtigt wichtig sind. Und außerdem scheint mir die Serie ein bisschen wie Schmelztiegel aus den anderen Serien zu sein. Denn Manfred ist eine Nebenfigur aus der Harper Connely Serie. Und Bobo Winthrop, der Vermieter, hatte seine ersten Auftritte bei Lily Bard. Mit dem Vampir hier gibt es aber auch eine Verbindung zu Sookie Stackhouse. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es diese spezielle Figur bei Sookie wirklich gab, aber zumindest die Welt von Sookie ist die gleiche wie in Midnight.

Die Geschichte in dem Buch wird sehr langsam und fast schon behäbig erzählt. Nacheinander lernt Manfred die anderen Einwohner kennen. Sein Arbeitsalltag als Hellseher wird geschildert (sehr unglamourös!) und auch langsam merkt man, das die anderen Bewohner viele Geheimnisse haben. Und als wäre eine Mischung aus verschiedenen Büchern, mit entsprechend verschiedenen Welten nicht schon kompliziert genug, packt Charlaine Harris auch noch eine Verbindung zur rechtsradikalen Szene dazu. Das alles könnte spannend sein – ist es aber nicht. Stattdessen liest es sich eher gemütlich, es gibt sogar ein paar komische Szenen. Erst ganz zum Schluss nimmt das Buch Fahrt auf. Insgesamt bot das Buch eine einfache Lektüre, bei der ich nicht viel nachdenken musste, die mich aber abschalten ließ. Und ich war am Ende doch neugierig genug, auch die weiteren Bände zu kaufen und kann nun sagen, dass die Bücher sich definitiv steigern im Verlauf!

Deutsche Übersetzung: Midnight, Texas
Serie: Midnight Texas